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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 233
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Pentateuchkritik

Zur Zeit Herders herrschte noch allgemein, unter Christen wie Juden, die Überzeugung, daß die fünf Bücher Mose von diesem selbst verfaßt seien; nach jüdischer Auffassung sind sogar die letzten Verse des fünften Buches, in denen sein Tod erzählt wird, noch von ihm eigenhändig niedergeschrieben worden, auf Grund göttlicher Offenbarung; wie denn überhaupt der ganze Pentateuch oder »Fünfteilige«, wie die Griechen diesen Abschnitt der Bibel nannten, nicht als Werk menschlichen Wissens galt. Schon daraus, daß er Thora, Gesetz heißt, geht deutlich hervor, worauf es bei ihm zuallererst ankommt; das Gesetz aber kann nur direkt von Gott eingegeben sein: gegen die Thora gehalten, ist alles andere nur Kabbala, »Überlieferung«. Doch erhebt das Werk selbst nirgends den Anspruch, aus der Hand Moses geflossen zu sein; es spricht von ihm immer in der dritten Person, und wo es ihn etwas niederschreiben läßt, hebt es dies ausdrücklich hervor. Auch erweckt es an vielen Stellen den Eindruck, daß es überhaupt nicht von einem einzelnen Verfasser herrührt. Die auffallendsten Eigentümlichkeiten, die in diese Richtung weisen, sind: zahlreiche Wiederholungen, und zwar sowohl Doppelversionen wie vollkommene Dubletten; zweierlei Namen für dieselbe Person; gegensätzliche Beurteilungen 480 von Menschen, Lehren, Institutionen; Milieuwidrigkeiten; Anachronismen; Antichronismen, das heißt: Zeitangaben, die sich miteinander nicht in Einklang bringen lassen; verschiedenerlei Glaubensvorstellungen. Der Gott Moses ist abwechselnd ein böser Zauberer und der Inbegriff höchster Sittlichkeit, ein ganz menschlich gedachtes Wesen und reiner Geist, ein Bergdämon und der Herr der Welt. Kurz, es herrscht in dem Ganzen, wie Goethe es ausdrückte, eine »höchst traurige, unbegreifliche Redaktion«. Ebenso regenbogenfarbig wie der Inhalt sind Stil und künstlerische Auffassung: neben Gemälden von gigantischem Pinselstrich und brennender Leuchtkraft stehen ohnmächtige Aufzählungen und fleischlose Exzerpte, neben fast homerisch dahinschäumender Epik armselige Klatschereien, neben blumenhaften Zartheiten brüllende Barbarismen. Schon Luthers Feingefühl muß all dies gespürt haben, als er seine Bedenken in dem Trostwort der Tischgespräche zusammenfaßte: »Was täte es, wenn auch Mose den Pentateuch nicht geschrieben hätte?«

Der erste, der das Problem mit voller Klarheit erfaßte, war Thomas Hobbes, als er in seinem philosophischen Hauptwerk, dem berühmten Leviathan, erklärte, die Abfassungszeit der biblischen Bücher müsse lediglich aus ihrem Inhalt erschlossen werden. Neunzehn Jahre später, 1670, ließ ein anderer Philosoph, Baruch Spinoza, seinen Tractatus theologicopoliticus erscheinen, das einzige Werk, das er selbst herausgegeben hat, und auch dieses anonym und unter der Maske eines falschen Druckorts. Er sagte darin: »Wer die Bibel, wie sie ist, für einen den Menschen vom Himmel herabgesandten Brief Gottes ansieht, wird ohne Zweifel mich laut der Sünde wider den Heiligen Geist anklagen, weil ich behauptet habe, das Wort Gottes sei fehlerhaft, verstümmelt, verfälscht und sich selbst widersprechend, es sei uns nur in Bruchstücken bekannt und die Urschrift des Bundes, den Gott mit den Menschen geschlossen, sei verlorengegangen. Aber sie werden gewiß aufhören zu 481 schreien, wenn sie die Sache selbst erwägen wollen . . . Wer mir in diesen Schriften eine Ordnung zeigen kann, die ein Historiker chronologisch befolgen kann, dem will ich sogleich die Hand reichen. Denn ich bekenne, daß ich sie nie habe finden können, so lange ich auch gesucht habe.« Daraus folgt: die Bücher müssen kritisch und historisch untersucht werden, nach Entstehungszeit, Autorschaft und Publikum. Wie Spinoza vorausgesehen hatte, erhob sich eine Flut von Verdammungsschriften gegen das Buch, besonders von seiten der lutherischen Orthodoxie, die erklärte, es sei dem Pfuhl der Hölle entstiegen; und um Verboten zu entgehen, mußte es unter den sonderbarsten Decktiteln im Buchhandel umlaufen: Neue Idee der gesamten Medizin, Chirurgische Werke, Historische Werke, Abhandlung über die abergläubischen Zeremonien der Juden, dazu natürlich auch immer unter einem erfundenen Autornamen.

Im Jahr 1685 erschien ein Werk, das mit der neuen Methode bereits vollen Ernst machte: die Histoire critique du Vieux Testament des sehr gelehrten Oratorianers Richard Simon, der deshalb aus der Kongregation ausgestoßen wurde; aber auch die Protestanten protestierten. Erst etwa hundert Jahre später veranlaßte Johann Salomo Semler, einer der namhaftesten Theologen der deutschen Aufklärung, eine deutsche Übersetzung; auch er selbst verfügte in seinen Schriften bereits über einen ziemlich entwickelten textkritischen Apparat. Die entscheidende Entdeckung auf dem Gebiete der Pentateuchforschung war bereits einige Jahrzehnte früher gemacht worden: 1753 veröffentliche Jean Astruc, königlicher Leibarzt und Professor der Medizin in Paris, eine anonyme Untersuchung, in der er feststellte, daß in der Genesis ein regelmäßiger Wechsel zwischen den Gottesnamen Jehova (wie man damals noch Jahwe las) und Elohim zu beobachten sei, und daraus schloß, daß Mose, den er nach wie vor für den Verfasser hielt, sich verschiedener älterer Berichte bedient habe, aus denen er den seinigen 482 zusammenstellte. Er sonderte danach scharf eine Elohimurkunde und eine Jehovaurkunde und fand sogar Spuren eines dritten Parallelberichts. Auf diese Weise gelang es ihm, für die anstößigsten Wiederholungen und Unstimmigkeiten eine plausible Erklärung zu finden; doch trug er selber längere Zeit Bedenken, seine Resultate bekanntzumachen, weil er Mißbrauch durch die »esprits forts« befürchtete. 1807 gelangte Martin Lebrecht de Wette zu der wichtigen Erkenntnis, daß sowohl den Samuelisbüchern wie den Königsbüchern jede Kenntnis des mosaischen Gesetzes fehlte. Alle diese Enthüllungen faßte Wilhelm Vatke zu dem Satze zusammen, daß alles Kultische und Gesetzliche nicht zu den ältesten, sondern zu den jüngsten Teilen des Alten Testaments gehöre, daß es, wenn man die Chronologie sprechen lasse, nicht heißen dürfe »Gesetz und Propheten«, sondern umgekehrt. Das hochbedeutsame Werk, worin er dies darlegte, fand aber fast gar keine Beachtung, während das in demselben Jahr 1835 erschienene Leben Jesu von David Friedrich Strauß, das ähnliche Methoden auf das Neue Testament anwandte, das größte Aufsehen erregte. Vatkes Ansicht hatte schon früher auch Eduard Reuß in seinen Straßburger Vorlesungen vertreten, in denen er nachwies, daß die Prophetie noch nichts vom Gesetz wußte, daß dieses jünger sei als jene und die Psalmen jünger als beide. Hierauf gründete ein Menschenalter später sein Schüler Karl Heinrich Graf den Leitgedanken seines Hauptwerks Die geschichtlichen Bücher des Alten Testaments, der als »Grafsche Hypothese« großen Einfluß gewann. Den Schlußstein setzten Julius Wellhausens epochemachende Arbeiten, die in den siebziger Jahren zu erscheinen begannen; sie sind nicht nur durch souveräne Sachbeherrschung und Dialektik, sondern auch durch glänzende Darstellung ausgezeichnet. Das allgemeine Ergebnis der Bibelforschung eines halben Dutzends von Generationen läßt sich dahin zusammenfassen, daß keines der 483 alttestamentlichen Bücher in der Gestalt, die es heute besitzt, hinter das Exil zurückgeht. Was aus der früheren Zeit übriggeblieben ist, sind gigantische Trümmer, die als gespenstische Zeugen einer versunkenen Welt und Glaubensform zu uns herüberragen. Im übrigen wird sich eine Einstimmigkeit in den Antworten, die die Wissenschaft gibt, niemals erzielen lassen, es ist schon viel, wenn sie die Fragen eindeutig zu präzisieren vermag. Sie möge immer weiterschreiten, denn sie ist in ihrer Kritik keineswegs bloß zersetzend, sondern, da sie das Verständnis vertieft, auch produktiv; aber bei allem dankbaren Respekt vor ihrem Fleiß und Scharfsinn wird sich der Laie für alle Zeiten die wundervollen Worte zu eigen machen müssen, die Goethe wenige Tage vor seinem Tode zu Eckermann sprach: »Echt oder unecht sind bei Dingen der Bibel gar wunderliche Fragen. Was ist echt als das ganze Vortreffliche, das mit der reinsten Natur und Vernunft zu Harmonie steht und noch heute unserer höchsten Entwicklung dient! Und was ist unecht als das Absurde, Hohle und Dumme, was keine Frucht bringt, wenigstens keine gute!«

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