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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 23
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Autor der Geschichte

Es handelt sich aber in diesen und zahllosen anderen Fällen nicht um Privaturteile, austauschbare Gesichtswinkel, Wahlansichten, auch nicht um die Anschauungen gewisser Gruppen, die etwa durch tiefere Geschichtserkenntnis oder umfassenderes Geschichtswissen zu neuen Ergebnissen gelangt wären, sondern um die Meinung des Zeitalters selber. Sie kommt und geht; aber wodurch sie sich verändert, warum sie sich überhaupt verändert, das wissen wir nicht. Die Verwandlung ihres Antlitzes ist ein ebenso großes Rätsel wie das Verschwinden der Saurier, die Geburt der Sprache, das Aufleuchten eines neuen Sterns.

Man kann also sagen: Geschichte ist Dichtung und ihr Autor das Menschengeschlecht. Aber dies bedeutet nicht etwa, daß sie eine beliebige »Phantasie« ist, vielmehr trägt sie, wie Jede echte Dichtung, den Charakter der Notwendigkeit. Was Kant in der Dialektik der ästhetischen Urteilskraft sagt: daß das Genie völlig reflexionslos oder naiv handle, absichtslos wie eine Naturkraft, und ebendadurch die Macht besitze, Regeln zu geben, das gilt auch vom Genius des Zeitalters, der sich jeweils sein Geschichtsbild schafft. Dieses Geschichtsbild ist eine geistige Tatsache, hell erleuchtet vom Tageslicht der Gegenwart und tief verwurzelt im dunklen Gemeingefühl der Kulturmenschheit; ebenso unendlich und in sich begrenzt, gesetzgeberisch und einmalig wie jedes große Dichtwerk, ebenso real und ebenso unbegreiflich.

51 Das historische Urteil ähnelt auch darin dem ästhetischen, daß es nicht (wie das theoretische Urteil des Verstandes) durch logische Begriffe, sondern durch eine »notwendige Empfindung« allgemeingültig erscheint. Es tritt mit dem Charakter der »Henide« auf: so hat Weininger jene Bewußtseinsinhalte bezeichnet, bei denen Denken und Fühlen noch eine Einheit bilden. Die Vorstellungen, die die »historische Urteilskraft« bildet, haben, ebenso wie die ästhetischen, etwas Verschwommenes, Unartikuliertes, Mehrdeutiges, aber ebendarum höchst Lebensvolles. Alles historische Licht ist Zwielicht, alles historische Erfassen ist Erahnen, alle historischen Gestalten sind »schwankende Gestalten«.

Wir hörten von der »teleologischen Urteilskraft«, daß sie eine bloße Anschauungsweise sei, die die Lebensbedingungen für zweckbeherrscht nimmt: ebenso verhält es sich mit der historischen Urteilskraft. Sie ist eine hineingelegte Betrachtung, sie sieht die Dinge so an, »als ob« sie historisch wären, sie werden erst durch sie historisch. Aber dies ist wiederum keine Willkür, keine freigewählte Fiktion, die wir auch ebensogut unterlassen könnten, sondern dieser historisierende Blick ist uns angeboren; die »Historie«: das Vermögen, historisch zu empfinden, »liegt in unserem Gemüte bereit«, wie es Kant einmal in einem anderen Zusammenhange, nämlich im Hinblick auf das Sittengesetz, ausdrückt. Eine Welt ohne Zwecke wäre für uns überhaupt keine Welt; eine Welt ohne Geschichte auch nicht. Freilich hat es zu allen Zeiten nihilistische Winkelzieher gegeben, die versuchten, uns die Geschichte und ihre »Wahrheiten« vor den Augen wegzueskamotieren, denn logisch beweisen lassen sie sich in der Tat nicht. Dasselbe gilt von der teleologischen Betrachtung, dasselbe von der ästhetischen. Wenn jemand behauptet: Der Mensch ist eine Maschine, die Welt ist ein dummer Kreisel, Hamlet ist verzeichnet und Friedrich der Große war nicht groß: wie soll ich ihn rational widerlegen? 52 Aber gerade dies erhebt ja die Geschichte zu einem höheren Range, als ihn die sogenannten exakten Fächer und die dialektischen Disziplinen einnehmen. Geschichte ist eine Vision und ein Glaube: und diese beiden Seelenzustände beweisen sich dadurch, daß man sie hat.

Geschichte ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben. Geschichte deckt sich daher nicht einfach mit »Geschehenem«. Geschichte entsteht erst, wenn etwas zu den Ereignissen hinzukommt, nämlich wir. Ereignis ist, was in unseren Geist eingegangen ist. An dieser Skala allein mißt sich die historische Wahrheit. »Was nicht geschehen sein kann«, sagt Bachofen, »ist jedenfalls gedacht worden. An die Stelle der äußeren Wahrheit tritt also die innere. Statt der Tatsächlichkeiten finden wir Taten des Geistes.« Und Novalis läßt den Grafen von Hohenzollern in Heinrich von Ofterdingen sagen: »Es ist für unseren Genuß und unsere Belehrung gewissermaßen einerlei, ob die Personen, in deren Schicksal wir dem unserigen nachspüren, wirklich einmal lebten oder nicht. Wir verlangen nach der Anschauung der großen einfachen Seele der Zeiterscheinungen, und finden wir diesen Wunsch gewährt, so kümmern wir uns nicht um die zufällige Existenz der äußeren Figuren.« Und in einem nachgelassenen Fragment bemerkt er: »Das Vergangene wirkt so wunderbar auf uns, weil, je unabhängiger ein Objekt von unserer Wirksamkeit ist, desto freier unsere Wirksamkeit spielt; daher auch die sonderbare Alltäglichkeit der Gegenwart. Hier wird das Gemüt zu einer bestimmten Wirklichkeit gezwungen.«

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