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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 229
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Talmud

Eine Theologie, wie sie sämtliche christlichen Religionen besitzen, hat es im Judentum niemals gegeben, sondern immer bloße Kasuistik und Liturgik. Ja selbst von einer mosaischen Ethik kann man nur sprechen, wenn man darunter nicht ein philosophisches System versteht: die Morallehre erschöpft sich in einer Sammlung von Vorschriften für das praktische Verhalten, von denen einzelne allerdings ein sehr hohes Niveau bekunden. »Ethik und Theorie«, sagt Emil Schürer, »lösen sich auf in Jurisprudenz«; und, kann man hinzufügen, schließlich sogar in Winkelprozesse. Das Ritual, auf das die Juden so entscheidenden Wert legten, war übrigens nicht ihre Spezialität; seine Hauptstücke: Speisegebote, Reinheitsgesetze, Beschneidung, Sabbatheiligung waren im ganzen vorderen Orient verbreitet, spezifisch jüdisch war daran nur die extreme, selbstgerechte und spitzfindige Praxis. Das weltberühmte Denkmal dieser Geistesform ist der Talmud, der in zwei Hauptredaktionen vorliegt, dem palästinensischen und dem babylonischen Talmud. Seine Anfänge gehen bis ins fünfte vorchristliche Jahrhundert zurück. Schon damals empfand man das Bedürfnis, die Bibel für 471 das Leben der Gegenwart auszulegen; dieser Aufgabe widmeten sich die Schriftgelehrten, die soferim. Hieraus entstand im Laufe einer fast tausendjährigen Entwicklung der Talmud (»das Lernen«); er zerfällt in die Mischna (»Lehre«), die die genaueren aus der Thora abgeleiteten Bestimmungen über Feste, Opfer, Abgaben, Reinheit, Ehe und dergleichen enthält, und die Gemara (»Vervollständigung«), eine erläuternde Diskussion über sämtliche Sätze der Mischna. Zu diesem Kommentar gibt es aber noch einmal einen Kommentar: den Midrasch (»Forschung«), der nicht mehr zum eigentlichen Talmud gehört, sich aber inhaltlich mit ihm sehr stark berührt. Er gliedert sich, ebenso wie der Talmud, in einen halachischen und einen haggadischen Teil: die Halacha (»was gang und gäbe ist«) glossiert das Gewohnheitsrecht, die Haggada (»Sage«) ist eine Ausspinnung des überlieferten Erzählungsstoffs zum Zweck erbaulicher Belehrung, die sich mit Vorliebe der allegorisierenden Methode bedient. Wie man schon aus dieser verzwickten Einteilung ersieht, ist der Talmud weit davon entfernt, eine reine Quelle religiöser Erkenntnis zu sein. Ein immer verfilzteres Geflecht von Lehrzänkereien und verdunkelnden Erklärungen, Wortklaubereien und krankhaften Verdrehungen, aber auch hohen Gedanken und edlen Maximen hat hier durch die Jahrhunderte gewuchert. Die Materie wurde ursprünglich mündlich fortgepflanzt; der Schüler mußte die Worte des Lehrers auswendig lernen: Er sollte sein »wie ein mit Kalk belegter Brunnen, der keinen Tropfen verliert«.

Ein wichtiger Diskussionsgegenstand waren zum Beispiel die verschiedenen Formen des Dankgebets beim Genuß von Baumfrüchten, Erdfrüchten, unreif abgefallenen Früchten, Essig, Milch, Heuschrecken und hundert anderen Dingen. Ist das Gebet nicht genau nach der Vorschrift gesprochen, so ist es ungültig, ja eine Beleidigung Gottes. Auch dies ist heidnisch gedacht: sowohl die Ägypter wie die Babylonier, ja noch die Griechen 472 und Römer haben dieser Wortidolatrie gehuldigt. Ein Hauptproblem war die Sabbatruhe. An diesem Tage sind neununddreißig Arbeiten verboten, darunter zwei Fäden trennen (einer ist noch erlaubt), einen Knoten machen, einen Knoten auflösen, zwei Stiche nähen, zwei Buchstaben schreiben. In Fruchtsaft, Wegstaub, Streusand und alles andere, das die Schrift nicht behält, darf man Buchstaben machen, denn das ist kein richtiges Schreiben. Wie steht es mit dem Lichtauslöschen? Es soll gestattet sein, wenn es geschieht: aus Furcht vor Heiden, Räubern, bösen Geistern, um Kranker willen, um einzuschlafen, nicht aber, um Öl und Docht zu sparen. Am Sabbat darf natürlich auch nicht gekocht werden. Die Speisen müssen daher am Tage vorher bereitet werden, man darf sie aber nicht in Stoffen aufbewahren, die die Temperatur erhöhen könnten, denn das wäre eine Art Kochen. Am Sabbat soll man nichts von einem Ort an den andern tragen; aber die Mischna erlaubt, Eßwaren auf die Türschwelle zu setzen und von da wegzunehmen, da die Schwelle ebenso zum Hause wie zur Straße gehört, ferner darf man mit dem Mund, mit den Füßen, im Ellbogen, im Haar etwas wegtragen. Am Sabbat darf man nur zweitausend Ellen gehen; »um aber am Sabbat weiter als zweitausend Ellen gehen zu dürfen, legt man tags vorher am Ende des Sabbatwegs Speise für zwei Mahlzeiten nieder, schlägt dadurch gleichsam seine Wohnung auf und darf nun am Sabbat von hier aus weitere zweitausend Ellen gehen.« Es finden sich im Talmud noch viele solche Versuche, durch Kniffe und Finten das überstrenge Gesetz zu umgehen. Andrerseits haben manche Lehrer die Heiligung des Sabbats so auf die Spitze getrieben, daß sie es für unerlaubt hielten, an diesem Tage die Stadt zu verteidigen, ärztliche Hilfe zu leisten, aus Feuersbrunst zu retten. Ebenso ist das Verbot, sich von Gott ein Bild zu machen, maßlos überspannt worden. Man dehnte es auch auf die Menschen und Tiere aus, und hierdurch hat der spätere Mosaismus jenen 473 freudlosen, formlosen und misanthropischen Charakter bekommen, den die Antike wie ein finsteres Rätsel bestaunte. Für diese war ein bildloser Kult nicht Vergeistigung, sondern Atheismus. Aber gerade in diesem Punkt waren die Juden am unerbittlichsten. Unter den Römern durften die Landesmünzen kein Kaiserbild tragen, die Legionen die Stadt nicht betreten, weil sie Adler an ihren Feldzeichen trugen, und der Pöbel zerstörte den Palast des Herodes, weil er mit Tierbildern geschmückt war. Daß man Gott auch preisen könne, indem man seine Schöpfung im Bildnis und Gleichnis zu wiederholen versucht, ist den Rabbinern nie in den Sinn gekommen; sie lebten eingesponnen und abgeriegelt nur in der Welt des Worts. Aber das Wort hat ein Janusantlitz: Es ist Geist und Buchstabe, und je absoluter es regiert, desto mehr schwebt es in der Gefahr, den Geist aufzugeben und zur Totenstarre des Buchstabens zu gerinnen. Dies ist die Krise, die alle bildlosen Religionen bedroht; denn oft ist es gerade das Bild, das vom Buchstaben erlöst.

Es muß nochmals betont werden, daß der Talmud auch sehr schöne Dinge enthält: Leitworte der Weisheit, Gerechtigkeit und Güte, obschon von einer seltsamen Erdgebundenheit; und die abscheulichen Dinge, die darin stehen (manche Äußerungen über Andersgläubige sind so häßlich, daß wir sie gar nicht wiedergeben wollen), sind bloße Lehrmeinungen, die für keinen Juden verbindlich sind, denn der Talmud hat nicht das kanonische Ansehen wie der Koran: Ein solches besitzt nur die Thora, die Sammlung der heiligen Schriften. Diese haben die Juden geschaffen, und hierauf beruht ihre Bedeutung für die Weltgeschichte.

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