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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 228
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Theokratie

Durch Esra und Nehemia ist der jüdische Staat eine Theokratie geworden (das Wort stammt von Josephus), ein Gemeinwesen, dessen gesamte Rechtssatzungen von Gott stammen und von Gott aufrechterhalten werden; wer sie übertritt, ist kein Staatsverbrecher, sondern ein Gottesleugner. Es gibt keinen Unterschied zwischen weltlichen und religiösen Pflichten, denn alles ist religiöse Pflicht. Dies muß aber notwendig zur 469 Folge haben, daß die Religion verweltlicht: sie wird Dialektik und Ritual. Renan sagt in seiner pointierten Ausdrucksweise: Nehemia war der erste Jesuit. Man könnte vielleicht mit derselben Berechtigung sagen: Er war in seiner Mischung aus Dünkel und Demut, Herrschsucht und Gottesfurcht der erste Puritaner. Auch sein Glaube, daß der Mensch mit Gott in einer Art Verrechnung stehe, war puritanisch. Nicht umsonst haben die Männer um Cromwell sich so stark zum Alten Testament hingezogen gefühlt; ihr zelotischer Haß gegen alle Andersgläubigen, ihr Auserwählungswahn, ihre Bigotterie, ihre extreme Sabbatheiligung: das alles war mosaisch. Und obgleich sowohl die englische wie die jüdische Reformation Geburten des besten Glaubens und ehrlichsten Willens waren, stand dennoch an ihrer Wiege die Tartüfferie.

Das Gesetz Esras, der sogenannte »Priesterkodex«, stellt an die Spitze des Gemeinwesens den Hohenpriester, den zahlreiche Priestergeschlechter umgeben. Sie gehören alle zum heiligen Stamm Levi, sind aber scharf gegliedert in die eigentlichen Priester, die ihre Abstammung von Aaron herleiten, und in die Leviten, die nur niedrige Dienste im Tempel verrichten dürfen. Auch diese, ehemalige Landpriester, besaßen einmal volle priesterliche Rechte, die ihnen aber, als der Kultus im Tempel von Jerusalem zentralisiert wurde, verlorengingen. Der Hohepriester hat etwa die Stellung des Papstes im Kirchenstaat: Er ist zugleich weltliches und geistiges Oberhaupt; er wird gesalbt und trägt Purpur und Tiara wie ein König. Außer den Fragen der Hierarchie behandelt der Priesterkodex auch alle kultischen Vorschriften; Dinge des bürgerlichen Rechts und der Moral erörtert er nicht, indem er sie voraussetzt.

Bezeichnend für den Bußcharakter, den die Religion nunmehr annimmt, ist ein neues Fest, das alle anderen in den Hintergrund drängt, der Versöhnungstag. Er gilt der Entsühnung von der Schuld des Jahres, die im Sündenbock symbolisiert ist. 470 Er steht, sehr im Gegensatz zu der Festpraxis der alten Israeliten, unter strengem Fastengebot. Nur an diesem Tage darf der Hohepriester in das Allerheiligste eindringen und dort das Räucheropfer darbringen. Aus der nachexilischen Zeit stammt auch erst die Verfemung der Samariter als Ketzer, Bastarde und Unreine: von ihnen ein Stück Brot zu nehmen, galt soviel wie Schweinefleisch essen. Sie waren eine Art Schismatiker, die sich zum Hohenpriestertum von Jerusalem etwa verhielten wie die Anhänger der englischen Hochkirche zum Papismus: Ihre Religion war die altisraelitische mit Tempel und Kult auf dem Garizim, dem heiligen Berg von Sichem, in ihren äußeren Formen der orthodoxen sehr ähnlich, aber durchsetzt mit heidnischen Elementen, an denen es übrigens dieser auch nicht fehlte: vor allem die blutigen Opfer waren noch völlig heidnisch.

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