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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 226
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Exil

Die Lage der Verbannten war nicht so schlimm, als es nach den allbekannten Klagen, die in der Bibel unter dem Namen der Jeremiaden zusammengefaßt sind, den Anschein hat. Sie durften ihren beweglichen Besitz mitnehmen und bildeten eigene Gemeinden mit Ältesten an der Spitze. Jeremia schrieb an sie: »Bauet Häuser, darin ihr wohnen möget, pflanzet Gärten, daraus ihr die Früchte essen möget; nehmet Weiber und zeuget Söhne und Töchter; sucht der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn, denn wenn's ihr wohlgehet, so geht's auch euch wohl.« Erst im Exil sind die Juden das Händlervolk geworden, als das sie seither bekannt sind, und dies hatte seine Ursache nicht bloß in ihrer Entwurzelung, sondern auch im Ort und in der Zeit: Babel war die große »Krämerstadt« und das sechste Jahrhundert eine Epoche des allenthalben emporkommenden Merkantilismus. Dazu kam noch, daß der Mosaismus erst jetzt eine Religion des peinlich beobachteten Gesetzes wurde, dessen einschneidende Forderungen der Ackerbauer, der in seinem Tun und Lassen an die Natur gebunden ist, nicht in ihrem vollen Umfang erfüllen kann. Die Gesetzesreligion hätte sich überhaupt in der Heimat nie in diesem Maße entwickeln und befestigen können. Dort hätte sie immer mit der überlegenen Konkurrenz der alten, durch Tradition und Geschichte geheiligten Kulte und Kultstätten zu kämpfen gehabt, und wir haben gesehen, wie sogleich nach Josias Reform der Rückschlag eintrat. In der Fremde aber gab es keine Haine und Höhen, Quellen und Altäre, an die die Erinnerung anknüpfen konnte, ja nicht einmal Opfer durften gebracht werden, denn Jahwe nimmt nur die Gaben Kanaans entgegen. Das einzige, 466 was die Juden ins Exil mitnehmen konnten, war das Gesetz. Den Tempel konnten sie auf heidnischem Boden nicht auferbauen: An seine Stelle tritt der Begriff der Gemeinde. Auch die Feste konnten nicht begangen werden, da sie an das Heilige Land gebunden sind: Sie ersetzt, als einziger religiöser Feiertag, der Sabbat und seine Heiligung in jener extremen Form, die als typisch jüdisch gilt, es aber erst jetzt wird.

Zugleich vollzieht sich in der Prophetie eine merkwürdige Veränderung. Bisher ein einziger schwarzer Bannstrahl und flammender Bote der Verdammnis, wird sie nun messianisch und optimistisch. Nachdem die Vergangenheit gerichtet ist, darf die Zukunft erlöst werden. Jahwe muß sich an den Heiden rächen und sein Volk wieder erheben: Das schuldet er seiner eigenen Ehre. Und dieser Gedanke steigert sich zu der monumentalen Paradoxie, daß Jahwe sich gerade dadurch, daß er sein Volk vernichtet, als dessen Gott, und dadurch daß er die Unglücksverheißung erfüllt, als Weltmacht erweist. Auch wenn er Israel schlägt, bleibt es der alleinige Gegenstand seiner Sorge; auch wenn die Feinde siegen, sind sie nur die Werkzeuge seines Strafgerichts.

Daß »Volk« kein einfaches Bodenprodukt ist, sondern eine geistige Schöpfung, zeigt Juda im Exil, das erst dort ein wirkliches Volk geworden ist, und zwar nur durch die Einheit des Glaubens. Von nun an haben alle Juden eine gemeinsame Heimat: Jerusalem, aber nicht das geographische, sondern das religiöse: den Tempel. Von der Erde losgerissen, fanden sie ihr Vaterland in ihrem Gott, der aber ebendarum auch immer etwas Erdiges behalten hat.

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