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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 225
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Untergang Jerusalems

Das Südreich Juda aber blieb wie durch ein Wunder bestehen. Dort hatte im Jahr 735 Ahas den Thron bestiegen. Von Damaskus und Israel durch einen gemeinsamen Angriff bedroht, begab er sich freiwillig in die Schutzherrschaft Assyriens, das damals unter einem seiner kraftvollsten Könige, Sargon dem Zweiten, in hoher Blüte stand. Als aber Ahas nach zwanzigjähriger Regierung starb, gewann unter Hiskia die »Volkspartei« die Oberhand, die danach lechzte, das assyrische Joch mit Hilfe Ägyptens abzuschütteln. Der Prophet Jesaja, der zwar dagegen gewesen war, daß Juda sich in ein so nahes Verhältnis zu Assyrien begebe, da es dadurch, wie er richtig voraussah, nur Kriegsschauplatz werden würde, riet aufs nachdrücklichste, nichts gegen den übermächtigen Oberherrn zu unternehmen. Die Ereignisse gaben ihm recht: Das Heer der Ägypter und Judäer, das sich Sanherib, dem Nachfolger Sargons, entgegenstellte, wurde geschlagen und Jerusalem belagert, aber ohne Erfolg, was Jesaja ebenfalls vorausgesagt hatte. Wie man aus alledem ersieht, spielte Jesaja nicht bloß eine religiöse, sondern auch eine sehr bedeutende politische Rolle. Trotzdem ist es irreführend, wenn man die Propheten als »Realpolitiker« bezeichnet, wie dies zuweilen geschieht: Für sie waren Gott und Geschichte dieselbe Größe und die Schicksale der Völker nichts als die sichtbar gewordenen Gedanken des Schöpfers.

Juda blieb selbstverständlich nach wie vor assyrischer Vasallenstaat. Aber auch im Innern wurden die Verhältnisse immer schlimmer. Auf Hiskia, dessen »Zickzackkurs« die Hauptschuld an der unglücklichen Entwicklung der Dinge getragen hatte, folgte um 690 sein Sohn Manasse, unter dessen etwa fünfzigjähriger Regierung das Heidentum triumphierte und, wie es im zweiten Buch der Könige heißt, Jerusalem voll war des unschuldigen Blutes von einer Ecke bis zur andern. Sogar die Menschenopfer hielten wieder ihren Einzug: Überall rauchten die Altäre des Moloch, und Manasse selber ließ seinen 464 erstgeborenen Sohn durchs Feuer gehen. Die Weiber beteten zu Astarte. Alle Rechtgläubigen wurden grausam verfolgt; die Prophetie verstummt für lange Zeit fast gänzlich, denn »das Schwert fraß sie wie ein reißender Löwe«.

Auch unter Manasses Sohn Amon blieb die Reaktion siegreich. Aber unter seinem Enkel Josia trat ein Umschwung ein. Dieser berief im Jahr 621 das Volk in den Tempel und verpflichtete es feierlich auf das Gesetz. Alle Kultstätten des Landes wurden zerstört; nur in Jerusalem durfte Jahwe geopfert werden. Dreizehn Jahre später fiel Josia gegen Necho von Ägypten; ihm folgte sein Sohn Jojakim, der wieder in die Bahnen Manasses einlenkte. Als Nebukadnezar bald darauf den Pharao aus Syrien vertrieb, tauschte Juda nur das ägyptische Joch gegen das chaldäische, das der Prophet Jeremia als gottgewollt zu tragen gebot. Aber im Volke gärte es: Freiheitsdrang und Glaubenshaß vereinigten sich zum Aufstand. 597 erschien Nebukadnezar vor Jerusalem; die Stadt mußte sich ergeben, zehntausend Männer, die Blüte des Volks, wurden nach Babel verschleppt, darunter der Prophet Ezechiel, während Jeremia zurückblieb; beide warnten vor neuerlichem Abfall. Zedekia, ein anderer Sohn Josias, den Nebukadnezar zum Vasallenkönig eingesetzt hatte, schlug wieder mehr in die Richtung seines Vaters, der sich von den Propheten leiten ließ, und hätte gern auf Jeremia gehört; aber die Bewegung war stärker als er, und es kam zu einer neuerlichen Erhebung im Bunde mit dem Pharao, dem auch Tyros und Sidon, Edom, Moab und Ammon beitraten. Abermals zogen die Chaldäer heran; doch die Ägypter brachten Entsatz, und Nebukadnezar mußte die Belagerung aufheben. In dem großen Jubelgeschrei, das sich nun erhob, zeigte es sich, daß die Stadt bereits aufs tiefste verkommen und zum Untergang reif war. Im Drange der Not hatte man allen Knechten die Freiheit versprochen; nun, nachdem sie die Mauern tapfer verteidigt hatten, brach man das Wort und 465 preßte sie aufs neue zum Sklavendienst. Die Strafe, von Jeremia flammend verkündigt, folgte auf dem Fuße; der Feind kam wieder und Jerusalem fiel: im Hochsommer 587. Tempel und Stadt wurden eingeäschert, die meisten Einwohner deportiert; nur das niederste Volk blieb zurück.

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