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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 223
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Urmonotheismus

Nach der orthodox-christlichen Auffassung ist alles Heidentum ein Abfall von der reinen Gotteserkenntnis, die, auf einer Uroffenbarung beruhend, am Anfang der Menschheit steht. Über diese Lehre ist die moderne Wissenschaft achselzuckend hinweggegangen: Sie hält es für selbstverständlich, daß der Monotheismus nur das Ergebnis eines langwierigen Entwicklungsprozesses gewesen sein kann. Es ist dies eine Eintragung des Darwinismus in die Religionsgeschichte, gleich diesem logisch sehr einleuchtend und empirisch sehr schwer beweisbar. Die Erfahrung gibt nämlich auf diese Frage sehr verwirrende Antworten. Die gewissenhaftesten und umfangreichsten Untersuchungen der letzten Zeit hat hierüber der katholische Theologe Professor Wilhelm Schmidt gemacht, Mitglied der »Gesellschaft des göttlichen Worts«, eines Ordens für äußere Mission, der auf dem Gebiet der Völkerkunde eine ungemein 460 verdienstvolle Tätigkeit entwickelt. Schmidt wählte für seine Forschungen mit Vorbedacht Gegenden wie den Südosten Australiens, der gerade die ältesten Stämme beherbergt und keinerlei Spuren früherer Besiedlung aufweist, also ein sogenanntes »Isolationsgebiet« darstellt. Die Bewohner befinden sich in der Tat auch heute noch auf der Urstufe der Kultur, der »Sammelstufe«, wo der Mann sich der Jagd, das Weib dem Pflanzensuchen widmet und noch keinerlei Ackerbau und Tierzucht betrieben wird; und sie alle besaßen den Glauben an einen »großen Schöpfergott« und »Allvater«, auch wußten sie von einer Sintflut, die zur Strafe für böse Sitten gekommen sei. Diese Vorstellung von einem höchsten Wesen fand sich bei allen Völkern der Urkultur: den Pygmäenstämmen Afrikas und Asiens, den Buschmännern, auf Feuerland, in der Arktis und anderwärts. Seine Namen sind »Vater«, »Schöpfer«, »der Alte«, »der Uralte«, »der gute Alte«, »der im Himmel«, und immer ist er ein sittlicher Gesetzgeber und absolut gut, weshalb ihm häufig ein Träger und Verursacher des Bösen gegenübergestellt wird, ja bisweilen, zum Beispiel bei den arktischen Korjaken, ist die Schöpfung einem untergeordneten Wesen zugewiesen, also geradezu einem Demiurgen! Von dem vielen Beten der Weißen sagen die Südostaustralier, es sei bei dem großen Wohlwollen des höchsten Wesens nicht notwendig, auch sehe man an deren Leben, daß es nichts nütze.

Diese Feststellungen würden eine Art neuen Rousseauismus begründen: der Urmensch im Besitz der echten Religion und wahren Philosophie, die Kultur ein Abstieg. Und warum sollte es sich eigentlich anders verhalten? Der Urmensch steht der Welt allein gegenüber und vermag so, unabgelenkt durch »Kirche«, »Wissenschaft«, »Gesellschaft«, jene klaren und großen Gedanken vielleicht leichter zu fassen als der »Fortgeschrittene«. Und ist denn der Monotheismus nicht wirklich das Einfachste und Gesündeste, das Nächstliegende? Alle Kinder und alle reinen 461 Seelen glauben noch heute auf die natürlichste Weise von der Welt an den lieben Gott. Und so sind vielleicht auch die Israeliten im Unschuldsglauben ihrer grauesten Vorzeit wirklich schon einmal Monotheisten gewesen und die Erzählungen der Genesis als eine dunkle Erinnerung an diese selige Kindheit aufbewahrt geblieben.

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