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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 222
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der leere Thron Gottes

Sowohl die Orgiastik wie die heilige Prostitution der Hierodulen stammte natürlich aus dem vorderasiatischen Kulturkreis. Von dort hatten die Kanaaniter auch den Gestirndienst, die Astrolatrie, übernommen; und auch dieser bildete für die Israeliten eine dauernde Versuchung: noch der Prophet Jeremia 458 weiß von Häusern zu erzählen, »da sie auf den Dächern räuchern allem Heer des Himmels«. Die weibliche Landesherrin, die ba'ala, hatte einen Eigennamen: sie hieß Aschtart und übte auch ähnliche Funktionen aus wie die babylonische Ischtar; und die teraphim der Israeliten, kleine Hausgötter aus Ton oder Metall, waren zumeist Abbilder dieser Gottheit. Solche Astarten dienten auch als Amulette. Andrerseits haben Ausgrabungen in den Schichten, die der frühisraelitischen Zeit zuzuweisen sind, auch ägyptischen Einfluß nachgewiesen: man fand Gußformen für Besfiguren, Skarabäen, ein Tonbild der Isis, auf eine Stange zu stecken, und noch allerlei dergleichen; aber keinerlei Bildnisse Jahwes. Denn die Israeliten (und dieser Fall steht als staunenswertes Unikum innerhalb der ganzen antiken Welt und Geschichte) haben höchstwahrscheinlich von ihrem Gott überhaupt nie ein Idol besessen. Daß die ephod hölzerne, mit Gold und Silber überzogene Götterbilder, Jahwe darstellten, ist mehr als fraglich. In der Königszeit war das Sinnbild Jahwes der Stier. Die berühmte »Lade Jahwes« aber war ein leerer Thron! Die ausgespannten Flügel zweier Cherubim bildeten den Sitz und waren zugleich der Deckel des Kastens, der ebenfalls leer war (daß er die Gesetztafeln enthielt, ist spätere Version). Die Tiefe und Reinheit dieses Symbols würde allein schon genügen, um die Religion Israels über alle anderen Glaubensformen des Altertums hinauszuheben.

Hingegen dachten die Israeliten über die Stellung Jahwes zu Welt und Menschheit noch völlig heidnisch, nämlich partikularistisch: Er war für sie, nicht anders als etwa Assur für Assur, ein einfacher Volksgott. Jahwe ist der Gott Israels und Israel das Volk Jahwes. Daß er die ganze Welt beherrschte oder gar geschaffen habe, ist erst eine viel spätere Vorstellung. Er besitzt keineswegs Allmacht, höchstens Übermacht, die er im Kampfe mit den übrigen Göttern an seinem Volke bewährt. Noch weniger ist er allgütig: Grausamkeit und Hinterlist gegen Feinde 459 billigt, ja befiehlt er. Schon daß er einen Eigennamen trägt, setzt die Existenz anderer Götter voraus; alle Universalgottheiten sind anonym: auch Ahuramazda bedeutet einfach »Herr der Weisheit«. Diese anstößige Tatsache ist der Grund, warum man später den Namen Jahwes nicht aussprechen durfte: wo er stand, mußte adonai, »Herr«, gelesen werden. Der Jahwismus ist also als Monolatrie zu bezeichnen. Daß die Israeliten sogar einmal reine Polytheisten waren, zeigt eine andere Gottesbezeichnung: elohim, »die göttlichen Mächte«; sie wurde später zum pluralis maiestaticus und ist schließlich auch grammatisch als Singular behandelt worden. Mythologische Vorstellungen haben in Israel aber von allem Anfang an gefehlt, und auch dies hat im Altertum keine Parallele. Andrerseits ist es aber ganz natürlich, denn sie setzen gewisse Familienverhältnisse unter den Göttern voraus, und Jahwe hat weder Weib noch Kind. Die hebräische Sprache hat für »Göttin« nicht einmal ein Wort, und wenn sie von der phoinikischen Astarte redete, so blieb ihr nichts übrig, als sie »den Gott der Sidonier« zu nennen.

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