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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 220
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Jahwe

Im übrigen läßt sich eine gewisse urwüchsige Religiosität den alten Israeliten gewiß nicht absprechen. Sie äußerte sich vor allem darin, daß alles: das Größte und Kleinste, Heiligste und Profanste, als von Gott gesetzt empfunden wurde. Wie bei allen primitiven Völkern waren auch in Israel Brauch und Sitte die Grundlage der Moral; aber dieses durch Alter geweihte Herkommen galt eben als eine Stiftung der Gottheit. Deshalb gibt 455 es nur göttliche Gesetze und nur Sünden, aber keine Verbrechen, denn jedes Unrecht, vom Vatermord bis zur geringsten rituellen Verfehlung, ist eine Auflehnung gegen Jahwe, von dem allein alle Gebote und Verbote herrühren. Hierin berührt sich der Mosaismus mit dem Christentum, das zwischen der schwärzesten Missetat und der kleinsten Alltagsschwäche nur einen Gradunterschied kennt, aber keinen Wesensunterschied und alle seine Gebote in dem einen zusammenfaßt, in Gott zu leben. Trotzdem kann man nicht in demselben Sinne von einer mosaischen wie von einer christlichen Religion reden, denn der Mosaismus war und ist eine Nationalreligion, die, einem einzelnen Volke gegeben, sich nur in diesem und mit diesem entwickelt hat und daher noch vervollkommnungsfähig war, während das Christentum von allem Anfang an eine Menschheitsreligion war und von ihrem Stifter sogleich in der höchsten Vollkommenheit geoffenbart wurde. Daher nimmt auch Mose im Mosaismus keinerlei Zentralstellung ein, er ist ein Prophet neben anderen und überhaupt keine metaphysische, sondern eine rein historische Größe. Mose ist kein Heilsmittler, wie Jahwe kein Heilspender im christlichen Sinne. Was dieser schenkt, sind irdische Güter: Sieg über die Feinde, Ernteglück, Familiensegen. Auch ist er, als ein echter Regen- und Gewittergott, ebenso wohltätig wie schrecklich, auch launenhaft, jähzornig, nachträgerisch, ja bisweilen geradezu boshaft, indem er schadenfroh zur Sünde verleitet: Gott und Satan in einer Person.

Jahwe ist auch keineswegs der Vater im Himmel. Als seine Wohnung denkt man sich entweder den Sinai oder bestimmte Heiligtümer oder das Land Kanaan, das ebendarum das Heilige Land heißt; dort weilt er auf verschiedenen Bergen: dem Karmel, dem Tabor, dem Ölberg, dem Garizim. Immer aber, auch wenn er auf den Wolken daherkommt, ist sein Sitz die Erde. Der Himmel ist sowenig sein Reich, daß der Prophet Amos die Sünder vor ihm dorthin fließen läßt. Er redet am 456 liebsten im Krachen des Donners, im Beben der Erde, im Heulen des Sturms; der Wüstenwind ist sein Atem, der Blitz heißt »Jahwes Pfeil«, der Regenbogen »Jahwes Bogen«. Er entführt Elias auf feurigem Wagen und offenbart sich Mose im feurigen Busch, noch Ezechiel erscheint er als feuerumflossene Gestalt in der Wetterwolke. Und sein Walten ist auch ebenso imposant und furchteinflößend, elementar und unberechenbar wie eine Feuersbrunst: Sein Zorn verzehrt Schuldige und Unschuldige. Gerade dies, daß sein Wesen sich menschlichem Verstehen entzieht, verleiht ihm seine katastrophale Gewalt und Größe.

Es stimmt zu diesen grimmigen Zügen, daß Jahwe in erster Linie ein Kriegsgott ist. Hermann Gunkel drückt dies einmal sehr prägnant aus, indem er sagt, die Griechen hätten von den Israeliten, wenn sie sie auf der damaligen Stufe beobachtet hätten, wahrscheinlich erklärt, daß sie den Ares verehren. Jahwe führt den Beinamen sebaoth, (Herr) »der Heerscharen«; der Kampfruf lautet: »für Jahwe!« Die Krieger befanden sich, als die »Jahwe geweihten«, in einer Art Zustand der Heiligkeit; vor der Schlacht fasteten sie, enthielten sich der Weiber, brachten Opfer und salbten die Waffen. Vom Kriegsdienst befreit war: wer ein Haus im Bau hatte, wer einen jungen Weinberg besaß, wer vor der Hochzeit stand, wer sich zaghaft fühlte. Dies hatte gar nichts mit Humanität zu tun, sondern durch Hausbau, Pflanzung, Verlöbnis war man zu bestimmten Landesgottheiten in Beziehung getreten, deren Rechte nicht verkürzt werden durften. Dies galt sogar vom Furchtsamen: Auch ihn glaubte man im Banne eines bestimmten Dämons, dessen Rache man nicht herausfordern durfte.

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