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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die historische Urteilskraft

Es ließe sich nun sehr wohl denken, daß Kant auch eine »Kritik der historischen Urteilskraft« verfaßt hätte. Wie seine »transzendentale Analytik« die Frage untersucht: wie ist Natur, oder auch: wie ist Naturwissenschaft möglich?, so hätte es 48 sich hier um die Frage gehandelt: wie ist Geschichte, wie ist Geschichtswissenschaft möglich? Nach Kant ist, was wir Erfahrung nennen, ein Produkt unseres Verstandes und seiner Verknüpfungsbegriffe, Sittlichkeit ein Produkt unserer praktischen Vernunft (denn auch der kategorische Imperativ ist apriorisch), Schönheit ein Produkt unserer ästhetischen Urteilskraft und Zweckmäßigkeit ein Produkt unserer teleologischen Urteilskraft. Und ebenso ist Geschichte ein Produkt unserer historischen Urteilskraft.

Die historische Urteilskraft hat darin Ähnlichkeit mit der ästhetischen Urteilskraft, daß sie auch eine bestimmte Betrachtungsart ist, die die Erscheinungen erst zu historischen macht. Auch sie wurzelt in einem Gefühl, das universell und ebendarum auch allgemein mitteilbar ist. Das ästhetische Urteil ist, wie jedermann weiß, wandelbar, aber dennoch für das jeweilige Zeitalter oder Geschlecht, aus dem es geboren ist, stabil; ebenso verhält es sich mit dem historischen Urteil: Es gibt eine Art »historischen Geschmack«, der, obschon zeitgebunden, das Gepräge der Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit trägt, es gibt einen »historischen Gemeinsinn«. »In jeder Geistesperiode«, sagt der holländische Kulturhistoriker Huizinga, »besteht eine tatsächliche Homogenität des historischen Wissens . . . eine gewisse Katholizität der Erkenntnis«. Es herrscht in jedem einzelnen Kulturzeitalter ein unterirdischer Konsensus über den ganzen Vorstellungskomplex »Weltgeschichte«: seine Hauptprobleme, seine Entwicklungslinien, seine großen Etappen, seine repräsentativen Gestalten. Im ganzen achtzehnten Jahrhundert regierte das Schlagwort vom »finsteren Mittelalter«: selbst Herder spricht von der »Nacht der mittleren Zeiten«, und Robertson gebraucht »Dark Ages« geradezu als Synonym für Mittelalter. Um den Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wird das Mittelalter romantisch, und zu Anfang des zwanzigsten wird es expressionistisch. Es war natürlich 49 nichts von alledem; aber für die Zeitgenossen dieser Stichwörter war dies seine unleugbare Realität. Die Adjektive »barock« und »gotisch« waren lange Zeit allgemein gebrauchte Schimpfnamen: wir sprechen ja auch heute noch von einem »barocken Stil« und meinen damit, daß er schrullenhaft, bizarr, verschnörkelt ist, und der junge Goethe bekennt: »Unter die Rubrik gotisch häufte ich alle synonymischen Mißverständnisse, die mir von Unbestimmtem, Untergeordnetem, Unnatürlichem, Zusammengestoppeltem, Aufgeflicktem, Überladenem jemals durch den Kopf gegangen waren«: gotisch bedeutete damals noch dasselbe wie barbarisch. Johannes Duns Scotus, das Schulhaupt der Scotisten, wegen der Feinheit und Schärfe seiner Distinktionen doctor subtilis genannt, war einer der originellsten und geistvollsten Denker des ausgehenden Mittelalters; er wurde aber von der orthodoxen Scholastik wegen seines Nominalismus bekämpft, und infolgedessen war in Deutschland lange Zeit Duns der Spitzname für einen einfältigen, aufgeblasenen Menschen, und in England ist dunce noch jetzt ein Wort für Dummkopf. »Shakespearisch« ist heute wohl der lobendste Ehrenname, den man einem dramatischen Produkt erteilen kann, aber vor zweihundert Jahren war es noch ein sehr bedenkliches Prädikat: es bedeutete soviel wie roh, chaotisch, kunstlos; ein Pavian, sagte ein angesehener englischer Kunstkritiker aus der Zeit der Königin Anna, besitze mehr Geschmack als Shakespeare, und noch Voltaire nannte ihn einen trunkenen Wilden und gotischen Koloß, wobei gotisch natürlich wiederum im herabsetzenden Sinne gemeint ist. »Sophistes« heißt der »Weisemacher«, also soviel wie der Weise, und dafür galten auch ursprünglich die Lehrer der Sophistik, während »Philosoph« bloß der »Weisheitliebende« war; aber unter dem Einfluß des Platonismus haben diese beiden Vokabeln ihre Rangordnung getauscht: Sophistik bedeutet später geradezu das Gegenteil von Weisheit. »Liberalismus« war im 50 neunzehnten Jahrhundert das edle Bekenntnis zu Fortschritt und Freiheit; heute befindet sich das Wort schon ganz merklich auf dem Wege zur Ehrenbeleidigung. »Jesuit« bezeichnet das höchste Ideal, das überhaupt einem Irdischen vorzuschweben vermag, nämlich Genosse Jesu; aber diesen Wortsinn fühlt heute niemand mehr, vielmehr muß man, wenn man den Ausdruck nicht als Kränkung gebraucht wissen will, dies ausdrücklich hinzu bemerken.

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