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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 219
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die israelitische Naturreligion

Aber niemand würde sich heute mehr mit diesem unscheinbaren Binnenvölkchen befassen, wenn es nicht von Anfang an eine so starke und eigenartige Glaubensform entwickelt hätte. Zweifellos aber war der ursprüngliche Jahwismus eine Naturreligion. Alle Feste knüpfen sich an regelmäßig wiederkehrende Ereignisse des Bauernlebens: das Fest des Erntebeginns, an dem die ungesäuerten Brote, die Mazzoth, gebacken wurden; das sieben Wochen später gefeierte Fest des Ernteschlusses; das Fest der Weinlese, bei dem man in Lauben wohnte; das später mit dem Mazzenfest zusammengelegte Passahfest, wo man die jungen Lämmer schlachtete. Weitere Einschnitte bildeten das Neumondfest und das Marktfest des siebenten Wochentags, an dem die Ackerarbeit ruhte. Der Sabbat ist ursprünglich etwas ganz anderes als der spätere: ein Tag der Erholung für Knecht und Magd, Feld und Vieh, ein Anlaß zu Tauschverkehr und ländlichem Vergnügen. Beim Frühlingsfest des Passah, dem christlichen Ostern, wurde Jahwe die Erstgeburt der Tiere dargebracht, um ihnen weiteres Gedeihen zu sichern, vielleicht aber auch einfach nur aus überströmender 453 Dankbarkeit für den Segen des Herrn; die Opferung der Mazzen ist eine Erinnerung an die alte Backweise der Nomadenzeit oder, nach dem Buch Exodus, an die Flucht aus Ägypten, von wo die Israeliten in der Eile nur den rohen Teig mitnehmen konnten: doch ist dies eine später eingetragene Erklärung. Aus dem Fest des Ernteschlusses, dem »Wochenfest«, ist das christliche Pfingsten geworden: Der Name kommt von dem griechischen pentekoste: der »fünfzigste« (Tag), weil es sieben Wochen nach Ostern fiel. Das Laubhüttenfest auf den Hängen der Öl- und Weinberge war sehr lustig und lärmend und geht ebenfalls auf die Beduinenzeit zurück, wo das Volk noch in Zelten wohnte. Überhaupt fehlte den Opferfeiern im alten Israel jeder kirchliche Ernst: man »freute sich vor Jahwe«, aß und trank, tanzte und sang, und auch Jahwe ist fröhlich über die dargebrachten Gaben, von denen man sich vorstellte, daß er sie ganz reell genieße: deshalb heißt das Opfer »die Speise Jahwes«.

Auch sonst herrschte in den religiösen Anschauungen ein sehr kompakter Realismus. Dies zeigt sich unter anderm sehr deutlich in der Art, wie man sich zu der Glaubensfrage verhielt, die das Herzstück aller echten Religionen bildet, dem Fortleben nach dem Tode. Genaugenommen hatten die Israeliten darüber überhaupt keine Vorstellungen: Es war ihnen gar nicht zum Problem geworden. Die Hinterbliebenen legen Trauerkleider an, scheren sich das Haar, verwunden sich, erheben laute Klagen um den Toten, zu dem sie aber gleichwohl nicht die geringste Beziehung mehr haben: Er ist in der Unterwelt, der scheol, bei den anderen Verstorbenen, die die rephaim, die »Kraftlosen«, heißen und gar keine greifbare Existenz mehr besitzen. Das Leben ist der Hauch Gottes, der durch die Kreaturen weht; beim Tode schwindet dieser Hauch, und sie sind dahin: Gott selber kümmert sich dann nicht mehr um sie. Daß sie gelegentlich als Gespenster wiederkehren können, wird nicht gerade grundsätzlich geleugnet, kommt aber in der 454 Praxis sehr selten vor. Die höchsten Güter, um die unablässig gebetet wird, sind langes Leben, reicher Kindersegen und ewige Dauer des Geschlechts: Nur der Lebende hat recht, und die Unsterblichkeit liegt in der Fortpflanzung. Diese Anschauungen haben sich auch in späterer Zeit nicht wesentlich geändert. Auch im Buch Hiob heißt es: »Der Mensch stirbt und ist fort; er verscheidet und wo ist er? Wie ein Strom versiegt und vertrocknet, so ist der Mensch, wenn er sich legt, und wird nicht aufstehen und nicht aufwachen.« Trotzdem hat es etwa von der Zeit Daniels an einen Auferstehungsglauben gegeben, aber wiederum einen sehr realistischen. Die Märtyrer sollen aus ihren Gräbern zurückkehren, um das gewaltsam und verfrüht abgebrochene Leben fortzusetzen, ebenso die Bösewichter, um ihre Strafe zu erleiden. Denn Lohn und Strafe im Jenseits gibt es nicht, weil der Tote eben tot ist. Um die Zeit Christi herrschte die Vorstellung, alle verstorbenen Israeliten würden beim Anbruch des messianischen Reichs auferstehen, um mit den noch lebenden Volksgenossen daran teilzunehmen. Aber bis dahin liegen sie bewußtlos in ihren Gräbern, auch werden sie nicht etwa zu einem höheren, jenseitigen Leben erweckt, sondern zu einer einfachen Fortsetzung dieses irdischen Lebens. Es handelt sich also auch hier bloß um einen leicht spirituell gefärbten Materialismus. Und auch an diesen glaubten nur die Pharisäer, während die Sadduzäer jegliche Auferstehung des Fleisches leugneten. Die älteren Rabbinen nahmen eine Mittelstellung ein und lehrten die Auferstehung der Gerechten.

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