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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 217
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Leben im alten Israel

In den drei Jahrhunderten von der Einwanderung bis Salomo war das Leben in Israel von großer Einfachheit. Man darf sich unter den Israeliten, wie gesagt, keine Juden vorstellen. Sie waren ein Volk von Feldbauern und Weinbauern; die Handwerke, die sich auf grobe Weberei und Töpferei, Zimmern und Schmieden beschränkten, arbeiteten nur für den Hausbedarf; 449 Handel gab es fast gar keinen, nicht einmal als Binnenhandel: die wenigen Artikel, die nicht durch Hausindustrie erzeugt werden konnten, wie Spiegel, Amulette, Schmucksachen, wurden, ebenso wie das unentbehrliche Salz des Toten Meeres, von kanaanitischen und phoinikischen Reisenden vertrieben, die als »Krämer« mißachtet waren. »Kanaaniter« und »Kaufmann« wurden noch in der Königszeit als Synonyme gebraucht. Das Verarbeiten des Korns mit der Handmühle, der Traube und Olive mit der Handpresse besorgte sich jede Familie selber; erst in späterer Zeit kamen Mühlen auf, die von Eseln getrieben wurden. Die Backöfen sind durch alle Zeiten primitiv geblieben: Die Teigfladen wurden auf Kieselsteine gelegt; darüber wurde eine schüsselförmige Tonform gestülpt, die durch angezündeten Mist in wenigen Minuten die nötige Hitze erlangte; durch eine kreisrunde Öffnung wurde das fertige Brot herausgeholt.

Eine willkommene Zukost zum Brot boten Zwiebel und Knoblauch, Gurke und Melone, zu gewissen Jahreszeiten fast die einzige Nahrung des niederen Volkes. Feinere Gewürze waren Kümmel und Koriander, Minze und Dill. Den gewöhnlichen Braten lieferten Lamm und Ziege; Kalb und Ochse galten schon für etwas Besonderes. Das Schaf, dem die bescheidene Pflanzennahrung Palästinas am ehesten zusagte, war immer das wichtigste Haustier des Heiligen Landes und die ständige Staffage seiner Landschaft; das schöne glänzendschwarze Haar der Ziegen gemahnt den Dichter des Hohenliedes an die Locken der Geliebten. Wie alle Orientalen aßen die Israeliten gern fett und süß: Honig und Öl fanden in der Küche eine für unseren Geschmack allzu reichliche Verwendung, und bei keinem Festmahl fehlte es an allerlei Backwerk. Die Rosinenkuchen (richtiger Traubenkuchen), Feigenkuchen, Dattelkuchen, die im Alten Testament erwähnt werden, hatten aber mit unseren Obstkuchen keine Ähnlichkeit, sondern waren getrocknete Früchte, zu 450 Kuchenform gepreßt, in der sie lange Zeit aufbewahrt werden konnten. Das Hauptgetränk war Milch, besonders die saure, die den Durst vorzüglich löscht; Wasser war rarer und daher geradezu ein Handelsartikel: Noch heute ist im Orient der Wasserverkäufer eine stehende Straßenfigur. Von der Traube trank man den rohen Saft, den halbgegorenen Most und den meist roten Wein, der auch in den unteren Schichten kein ungewöhnlicher Genuß war; während der Arbeit bevorzugte man mit Wasser vermischten Essig, ein sehr erfrischendes Getränk. Wo jedoch von »Mischwein« die Rede ist, ist er nicht, wie bei den Griechen, gewässert, sondern im Gegenteil durch Würzezusatz verstärkt. Die Häuser bestanden aus Lehm und umfaßten in der Regel nur einen einzigen Raum; als Fenster diente die vergitterte Luke, aus der auch der Rauch abzog, als Bett der Fußboden, als Schrank der Wandnagel, als Wärmespender das Kohlenbecken: nur die Reichsten besaßen Öfen. Das einzige Luxusmöbel war eine Art Sofa. Angesichts dieser primitiven Wohnverhältnisse darf man aber nicht vergessen, daß sich fast das ganze Leben im Freien abspielte: entweder auf Feld und Straße oder auf dem flachen Dach, zu dem von außen eine Stiege führte. Auf dem Dach wird gebetet, gepredigt, gearbeitet, in heißen Nächten geschlafen und, da Dach an Dach stieß, spazierengegangen; ist in der Stadt etwas passiert, so strömt alles auf die Dächer. Die aufgeregt summende und gestikulierende Menge in ihren knallbunten Leibröcken und Überwürfen muß auf dem Untergrund der grellweißen Häuser und dem Hintergrund des blitzblauen Himmels ein pittoreskes Bild geboten haben.

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