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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 214
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Saul

An die Küste gelangten die Israeliten niemals; denn dort saßen im Norden die Phoiniker, im Süden die Philister. Diese waren im Zuge der großen Völkerwanderung aus dem Westen gekommen und hatten die Hafenstädte Gaza, Askalon und Asdod gegründet, stießen aber alsbald auch ins Binnenland vor, wobei sie den Israeliten mehrere schwere Niederlagen beibrachten und sogar die Bundeslade erbeuteten. Während der 441 zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts übten sie durch Vögte und Statthalter eine Oberherrschaft über große Teile Palästinas. Sie selbst hatten kein gemeinsames Oberhaupt, sondern lebten wie die Phoiniker in Stadtstaaten, die wechselnde Konföderationen bildeten. Sie waren weder nach ihrer Herkunft noch in ihrem Aussehen semitisch; da sie aber immer nur eine dünne Oberschicht bildeten, so wurden sie sehr bald in Sprache und Religion völlig semitisiert. In Israel galten sie als der Erbfeind; und hieraus ist, auf beträchtlichen Umwegen, die heutige Bedeutung des Wortes entstanden. Im siebzehnten Jahrhundert nannten die Studenten, die vermöge ihrer vorwiegend theologischen Bildung gern biblische Ausdrücke gebrauchten, ihre Widersacher Philister; damit meinten sie zunächst die Polizisten, dann aber überhaupt alle Nichtakademiker: So wurde »Philister« zum Synonym für Bürger, Spießbürger. Später wurde die Bezeichnung aufs Geistige übertragen; in diesem Sinne gebraucht sie der junge Goethe. Der Ausdruck »Bildungsphilister« stammt von dem Historiker Heinrich Leo, ist aber erst durch Nietzsche in den allgemeinen Sprachschatz übergegangen.

Die Philisterkriege haben das israelitische Königtum begründet. Die Befreiung ging vom Stamme Benjamin aus. Das Signal gab Jonathan, Sauls Sohn, der einen Vogt erschlug. Der philistäische Heerbann wurde von Saul geschlagen, und alle Stämme huldigten dem Sieger als König. Auch Juda, das hier zum erstenmal hervortritt, schloß sich an. Der Kampf dauerte weiter und erfüllte die ganze Regierungszeit Sauls, die rund von 1025 bis 1000 währte; doch vermochte er sich im großen und ganzen zu behaupten. Zwei Männer vor allem haben in sein Schicksal entscheidend eingegriffen: der Seher Samuel und der Judäer David. Nach der Schilderung der beiden biblischen Bücher, die von ihm handeln, war Samuel ein Gegner des Königtums, das er verwarf, weil der einzige rechtmäßige König 442 Israels Jahwe sei; aber das ist eine nachträglich hineingearbeitete Interpretation. Der geschichtliche Samuel war gerade im Gegenteil ein Königsmacher. Er erkannte in der Zusammenfassung der zersplitterten Volkseinheiten das einzige Mittel zur Errettung vom Philisterjoch und in Saul, der alle anderen nicht nur an Gestalt, sondern auch an Feuer und Schlagkraft überragte, das geborene Oberhaupt. Eine Art Papst, der Könige einfach einsetzen und absetzen konnte (nach der Tradition hat er sich bekanntlich später von Saul abgewendet und David zum Herrscher gesalbt), ist er aber darum doch nicht gewesen; auch dies ist späte Interpolation aus den Tagen der jüdischen Theokratie. Er war, vermöge seiner Menschenkenntnis und politischen Voraussicht, eine geistige, aber keine geistliche Größe. Andrerseits aber ist auch der König in Israel niemals, wie bei den Ägyptern, den Babyloniern und vielen anderen Völkern ein Priester oder gar eine Art Gott gewesen.

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