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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 213
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Richter

Renan beschließt in seiner »Geschichte des Volkes Israel« das Kapitel über die ägyptische Zeit mit den Worten: »Israel ist eine Nation geworden. Aber leider! seit dem Anfang der Welt hat man noch keine liebenswürdige Nation gesehen.« Die rauhen Berghirten, die nun Palästina betraten, hatten auf dieses Prädikat vielleicht noch weniger Anspruch als irgendein anderes Volk. Die Einwohnerschaft, die sie vorfanden, war nicht die Urbevölkerung; früher hatten Amoriter das Land besessen. Diese »Kanaaniter«, wie die Israeliten sie nannten, waren wahrscheinlich nichts anderes als eine frühere Einwanderungswelle hebräischer Stämme, werden aber im Alten Testament als Fremdvolk empfunden. Ganz so glatt, wie es nach den Schilderungen des Buches Josua aussieht, hat sich der Eroberungskampf nicht vollzogen. Er währte ein volles Vierteljahrtausend, ungefähr von 1250 bis 1000 vor Christus. Anfangs gelang es den Eindringenden bloß, sich auf den Höhen festzusetzen, während die festen Städte mit ihren Phalangen und Kriegswagen ihnen Trotz boten; diese wurden erst sehr allmählich israelitisch, teils freiwillig, teils durch Belagerung. Dazwischen gab es auch immer längere Zeiten völlig friedlichen Verkehrs oder 440 nur da und dort aufflackernder Kleinkriege. Man muß sich die Israeliten die längste Zeit zwischen den Kanaanitern ansässig denken, ohne daß sie auch nur größere Teile des Jordanlandes unbedingt beherrscht hätten. Die politische Organisation stand ebenfalls noch in den Anfängen. Die Obergewalt lag bei einzelnen Männern, die durch militärische Erfolge oder durch eine gewisse moralische Überlegenheit hervorragten; doch war ihre Stellung nicht irgendwie verfassungsmäßig gesichert. Ihre Hauptbefugnisse waren die Führung im Kriege und die Rechtsprechung; darum heißt diese Periode die Zeit der schophetim, der Richter. Das Alte Testament kennt zwölf solche Richter; die Zahl ist natürlich nicht historisch, sondern mit Rücksicht auf die Zwölfzahl der Stämme und die Heiligkeit der Zwölf gewählt. Die Bibelkunde unterscheidet zwischen »großen« und »kleinen« Richtern; doch bezieht sich dies nicht auf ihre Bedeutung, sondern auf die größere oder geringere Ausführlichkeit, mit der sie im »Buch Richter« behandelt sind. Der hervorragendste dieser Schophetim scheint Gideon gewesen zu sein, der die Midianiter vertrieb, um den Sinai hausende Wüstenstämme, die, dem Beispiel der Israeliten folgend, um 1100 ins Land gefallen waren. Er war eine Art Heerkönig, der seine Würde auf seinen leider ungeratenen Sohn Abimelech vererbte. Über diesen werden in der Bibel schreckliche Dinge berichtet, und die nicht minder grausige Geschichte von Jephthas Tochter zeigt, daß zur Richterzeit in Israel noch Menschenopfer gebräuchlich waren.

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