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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 212
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Mose

Zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts, vielleicht aber auch schon bedeutend früher, stieß ein Trupp Hebräer, sicher nicht mehr als ein paar tausend, nach dem Lande Gosen vor, einem Weidebezirk am rechten Ufer des pelusischen Nilarms: ob dies freiwillig geschah oder infolge irgendeiner Völkerverschiebung, läßt sich nicht mehr sagen. In diesem Grenzdistrikt bildeten sie eine von den Ägyptern geduldete Puffersiedlung; 437 sie waren immer noch Nomaden, die von Schafen und Ziegen lebten. Später wurden sie vom Pharao zu Fronarbeiten mißbraucht. Da erstand ihnen in Mose ein Führer zur Freiheit. Die Gestalt für unhistorisch zu halten, liegt nicht der geringste Grund vor. Dies erhellt schon aus dem Namen: Er ist, wie bereits erwähnt, rein ägyptisch, bedeutet »Sohn« und war am Nil besonders in Zusammensetzungen wie Thutmose, Ramose (Sohn des Thoth, des Re, des Ka) sehr gebräuchlich; hätten die Hebräer ihren Nationalheros einfach erfunden, so hätten sie ihn sicher nicht ägyptisch benannt. Nach der Auffassung der späteren Bearbeitung ist Mose in erster Linie Gesetzgeber und Religionsstifter; nach der Urauffassung, die noch hindurchschimmert, ist er aber vor allem eine politische Größe, der Erretter seines Volks, das er zum Auszug begeistert und tapfer durch alle Gefahren der Verfolgung, der See und der Einöde ins Gelobte Land geleitet. Auch der Zug durch das Schilfmeer braucht nicht unbedingt als Legende angesehen zu werden; das Buch Exodus gibt selber die Erklärung: Der Herr erregte die ganze Nacht hindurch einen starken Ostwind, der die seichte Stelle trockenlegte. Prachtvoll in ihrer großartigen Naivität ist die Schilderung des göttlichen Waltens: Bei Tag als Wolkensäule, nachts als Feuersäule zieht Jahwe vor seinem Volke einher, und als Pharao den Fliehenden nachsetzt, tritt die Wolke hinter sie und trennt sie von den Ägyptern, beugt sich auf das feindliche Heer herab, läßt die Räder von den Wagen abspringen und begräbt die Verwirrten unter den Meereswogen; aus der Gewitterwolke von der Spitze des Sinai donnert der Herr mit eigener Stimme die zehn Gebote auf Mose herab, dann schreibt er sie mit eigener Hand auf zwei steinerne Tafeln. Dort, in der feuerspeienden Spalte, ist sein Wohnsitz, ganz anders geartet als der liebliche Gipfel, auf dem die Olympier thronen: darum heißt er Jahwe: »er weht«, nämlich im Sinaivulkan; doch ist diese Deutung umstritten.

438 Die Schrecken der heulenden Wüste, des Umherirrens in bitterer Not, der wechselvollen Kämpfe mit den wilden Amalekitern haben die losen hebräischen Stämme zum Volk Israel zusammengeschweißt. Aber ohne die beherzte und weise Leitung Moses wäre dies nie gelungen. Als ihn der Herr beruft, sträubt er sich lange und bittet: Herr, schicke einen andern, Herr, schicke meinen Bruder Aaron; schon dies zeigt, daß er ein großer Mann war, denn, wie Kürnberger einmal so schön sagt, »nicht wer zu der Größe sich drängt, sondern wer vor der Größe schaudert, ist ein Weltheld«. Aber auch eine elementare Kraft, alles um sich herum niederreißend und mitreißend, muß in ihm gelebt haben. Michelangelo hat diese gigantische Wucht in ihrer ganzen Unwiderstehlichkeit in dem größten plastischen Werk gestaltet, das er und vielleicht die Neuzeit überhaupt geschaffen hat: Die Haltung des Propheten zeigt, daß er im nächsten Augenblick aufspringen wird, und es wird ein Panthersprung sein; eine heilige und drohende Leidenschaft loht in seinem Antlitz, denn sein Auge hat soeben den Götzendienst Israels erblickt; ein gewitterträchtiger, erhabener Zorn atmet in seiner Brust, schrecklich und göttlich fast wie das Wehen Jahwes selber. Nicht zufällig, sondern aus tiefer innerer Verwandtschaft wählte Michelangelo diese Gestalt: Auch er war ein großer Führer ins Neue, ein Gesetzgeber und Götzenzertrümmerer, ein großer Unverstandener und ein großer Heide. Denn ein Heide war der echte Mose, der noch nicht klerikal übertünchte, zweifellos.

Alles an der Lebensgeschichte Moses ist dramatisch: seine Kindheit, sein Reifen, sein ewiges Ringen mit Feinden und Freunden. Einer der packendsten Momente ist die Offenbarung: Während er oben auf dem Sinai mit dem Herrn Zwiesprache hält, bereitet sich das Volk bereits zum Abfall, und indes Gottes Finger die Tafeln beschreibt, gießen sie unten das goldene Kalb; und ein erschütternder Ausklang ist sein Tod: 439 Nach all den endlosen Mühen und Kämpfen, Wirren und Rückschlägen ist sein einziger Lohn, daß er das Ziel seines Lebenswerkes, das Gelobte Land, von ferne erblicken darf. Aber möglicherweise verhält es sich gar nicht so. Vielleicht waren die vierzig Jahre Wanderung, die Israel stählten und einten, das wahre Ziel der Vorsehung, vielleicht war die Wüste das Gelobte Land! Und so wäre Mose gestorben, ohne den Sinn all seines Siegens und Leidens erkannt zu haben. Aber auch dies würde seiner Größe keinen Abbruch tun. Alles wahrhaft Große hat seine dunklen Wurzeln im Schoße des Unbewußten; alle Helden und Heiligen gingen nachtwandelnd ihren Weg. Nur der Sohn Gottes vermochte wissend für die Menschheit zu leben und zu sterben.

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