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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 211
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Erzväter

In diesem großen Rahmen spielte die Geschichte Palästinas. Das Land war schon in der Steinzeit besiedelt; die Bewohner lebten in Höhlen und von wildwachsendem Getreide: Urweizen und Urgerste, das sie im Mörser zerstießen und geröstet genossen. Felslöcher, die sich noch heute allenthalben finden, dienten zur Aufnahme flüssiger Nahrungsspenden, die den 434 Göttern und den Toten geweiht waren, besonders des Bluts, das, wie auch vielfach anderwärts, als Sitz des Lebens galt: »das Blut«, heißt es im fünften Buch Mose, »ist die Seele, darum sollst du die Seele nicht essen«. Diese Form des Opfers war noch zur Richterzeit gebräuchlich: Der Engel Gottes sagt zu Gideon: »Nimm das Fleisch und das Ungesäuerte und lege es hin auf den Fels, der hie ist, und geuß die Brühe aus.« Außerdem gab es schon in frühester Zeit steinerne Heiligtümer von wahrhaft kyklopischen Ausmaßen, die sich die Israeliten nicht anders zu erklären wußten, als daß sie sich ihre Vorfahren als Riesen dachten. Aus der Bronzezeit, die um die Mitte des dritten Jahrtausends einsetzte, haben sich Schachtgräber mit Dolchen und Lanzen, Flaschen und Lampen, Schmucksachen und Tonfiguren von Sklaven und Haustieren erhalten. In den Fundamenten der Häuser fanden sich auch Krüge mit den Resten neugeborener Kinder und Leichen von Männern und Frauen in Hockerstellung. Man hat dabei an die grausige Sitte des »Bauopfers« gedacht; doch war die Gepflogenheit, die Angehörigen im Erdgeschoß zu begraben, im Orient vielfach verbreitet: nicht nur, wie wir bereits hörten, im babylonischen Ur, sondern auch bei den Arabern in ihrer heidnischen Zeit; »zu den Vätern versammelt werden« bedeutete ursprünglich ganz wörtlich: ins häusliche Familiengrab gebracht werden. In der sogenannten »mittleren« Bronzezeit, die die ersten vier Jahrhunderte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends umfaßt, kam die Töpferscheibe in Gebrauch, und es machten sich, nach dem Zeugnis der Funde, in der Keramik und Metalltechnik babylonische, hethitische, ägyptische, ja sogar (über Zypern) mykenische Einflüsse geltend.

Von alters her war Palästina von Semiten bewohnt, und zwar vom Stamm der Kanaanäer, dem die Phoiniker ebenso zuzurechnen sind wie die Bewohner des Westjordanlandes, die Kanaanäer im engeren Sinne, und die erst später eingewanderten 435 Hebräer, deren Hauptzweige die Ammoniter, die Moabiter, die Edomiter und die Israeliten waren. Der Name Chabiri oder Habiru, der schon in den Amarnabriefen vorkommt, bedeutet soviel wie »Wanderer« und beweist, daß die Hebräer damals noch Nomaden waren. Der Gegensatz zwischen Hebräern und Kanaanäern spiegelt sich noch auf den ersten Blättern des Alten Testaments. Abel ist Hirte, Kain ist Ackerbauer. Abel brachte Opfer von den Erstlingen seiner Herde, und der Herr sah sie gnädiglich an; Kain brachte Opfer von den Früchten des Feldes, und der Herr sah sie nicht gnädiglich an. Gottgefällig ist damals noch nicht der Seßhafte, sondern der Beduine.

Manche glauben, die Vätersage von Abraham, Isaak und Jakob sei eine spätere Erfindung, die bloß den Anspruch der Israeliten auf das Land Kanaan gewissermaßen völkerrechtlich durch die Tatsache begründen wolle, daß sie schon vormals dort ansässig waren; aber die Gestalten sind zu lebendig, als daß sie bloße Träger einer juristischen Fiktion sein könnten. Man wird bei der Wanderung Abrahams aus der fernen chaldäischen Heimat in das Gelobte Land an die Worte Carlyles erinnert: »Man vergleiche die Herrschaft der Angelsachsen in Amerika mit jenem unscheinbaren Geschehnis, aus dem sie hervorging, der Abfahrt des Schiffes ›Mayflower‹! Hätten wir einen so offenen Sinn, wie die Griechen ihn hatten, wir hätten hierin ein Epos entdeckt; ein Epos aus der Hand der Natur selber, wie sie es in mächtigen Ereignissen über ganze Erdteile schreibt.« Auch jener Auszug Abrahams war die Keimzelle einer neuen Welt. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß er auch ähnliche Gründe hatte: daß man den Erzvater ebensowenig nach seiner Fasson selig werden lassen wollte wie die Pilgerväter. Dies war die Geburtsstunde des Jahwismus, wie jenes die Geburtsstunde des Amerikanismus: beides Mächte von vielleicht zweideutigem, aber welthistorischem Charakter.

Jakob, der Vater der zwölf Stämme, trägt seinen Namen 436 »er überlistet« mit Recht. Aber auch alle übrigen sind ihm ähnlich. Sowohl Isaak wie Abraham geben ihre Frau für ihre Schwester aus, und dieser überläßt sie noch obendrein dem Pharao, von dem er reiche Geschenke annimmt; Jakob mißbraucht die Dummheit und Gefräßigkeit seines Zwillingsbruders, um ihm das Erstgeburtsrecht abzuluchsen, und erschleicht den Vatersegen, der damals noch sakramentale Bedeutung hatte; Laban hängt ihm statt der Rahel die häßliche, schweranbringliche Lea an und zwingt ihn dadurch, noch weitere sieben Jahre um die jüngere Tochter zu dienen, und er wieder beschwindelt Laban bei der Viehteilung. Abraham unternimmt es sogar, mit Gott herumzuhandeln. Als Sodom vernichtet werden soll, sagt er: »Willst du den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? Es möchten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein.« Der Herr verspricht, in diesem Falle die Stadt zu verschonen. Darauf sagt Abraham: »Es möchten vielleicht fünf weniger denn fünfzig Gerechte drinnen sein; wolltest du denn die ganze Stadt verderben um der fünfe willen?« Der Herr gewährt auch bei fünfundvierzig Gerechten Verzeihung. Darauf sagt Abraham: »Man möchte vielleicht vierzig drinnen finden. Man möchte vielleicht dreißig drinnen finden. Man möchte vielleicht zwanzig drinnen finden. Man möchte vielleicht zehn drinnen finden.« Alle diese Züge sind, als naiver Ausdruck derber Pfiffigkeit, verzeihlich und sogar ergötzlich; abscheulich werden sie erst durch die Übermalung der späteren Bearbeitung, die aus den Erzvätern Heilige machen will.

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