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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 208
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die orientalischen Großmächte

Indem wir uns der politischen Situation Palästinas zuwenden, müssen wir uns die Zustände der beiden orientalischen Großmächte in Erinnerung rufen, zwischen denen Syrien als ewiger Zankapfel lag. In Ägypten herrschten als zweiundzwanzigste, dreiundzwanzigste und vierundzwanzigste Dynastie von 945 bis 712 die Libyer; ihr erster König war Schoschenk der Erste. Unter der einundzwanzigsten Dynastie der sogenannten Taniten (1090 bis 945) war die Oberherrschaft über Palästina nur noch dem Namen nach ausgeübt worden, unter dem kräftigen Regiment Schoschenks wurde sie wieder eine wirkliche Tributärhoheit. Salomo war mit einer Tochter Schoschenks verheiratet, der für ihn die nordwestlich von Jerusalem gelegene Festung Gezer, die alte Krönungsstadt der Kanaanäer, eroberte. Nach einer anderen Annahme war der Ägypter, der Salomo Gezer zum Geschenk machte, nicht Schoschenk, sondern der letzte König der einundzwanzigsten Dynastie; doch war dessen Herrschaft nach innen und außen so schwach, daß diese Version die geringere Wahrscheinlichkeit hat. Jedenfalls geht aus der Sache zweierlei hervor: daß die damaligen ägyptischen Könige keine richtigen Pharaonen mehr waren, sonst hätte keiner von ihnen einem kleinen syrischen Gaufürsten und überhaupt einem ausländischen Potentaten eine Prinzessin zur Frau gegeben, und daß die Machtfülle der salomonischen Regierung legendär ist, denn sie war staatsrechtlich eine bloße Suzeränität, die, obschon vielleicht sehr glänzend, stets auf die Gunst und Hilfe der Nilherrscher angewiesen war. Im übrigen darf man sich die Libyer nicht als Barbaren vorstellen; sie waren 427 völlig ägyptisiert. Allerdings scheint unter ihnen der längst entschwundene Feudalismus wiedergekehrt zu sein, wie dies häufig bei der Herrschaft militanter Fremdvölker der Fall ist; man denke an die Germanen in Italien. Im Delta gab es lauter kleine Fürstentümer. Dies mußte mit der Zeit zum Zerfall der Zentralgewalt und zu außenpolitischer Ohnmacht führen. Und in der Tat sehen wir, wie gegen Ende der Libyerzeit der Assyrerkönig Tiglatpileser der Dritte, der um 750 auf den Thron gelangt war, im Jahre 732, von Ägypten ungehindert, das mächtige Aramäerreich von Damaskus vernichtet und dann ganz Syrien bis hart an die ägyptische Grenze erobert.

Die Libyer wurden von den Äthiopiern abgelöst, die als fünfundzwanzigste Dynastie von 712 bis 663 regierten. Diese kamen aus dem tiefsten Süden, wo sie in Napata, unweit vom vierten Katarakt, eine Theokratie des Amon, nach dem Muster der thebanischen, errichtet hatten. Der Priesterkönig Schabako, derselbe, der den Schabakostein errichten ließ, errang die Herrschaft über ganz Ägypten; die Macht der Teilfürsten blieb aber bestehen. In Syrien beobachtete Schabako eine ähnliche Politik, wie sie Rußland ein Jahrhundert lang auf der Balkanhalbinsel gegen die Pforte geübt hat, indem er die syrischen Völker und ihre Tributfürsten gegen den Oberherrn in Assur aufwiegelte und ihnen seine Hilfe in Aussicht stellte. Einen Einblick in diese Verhältnisse gewährt die Rede des assyrischen Gesandten an König Hiskia von Juda, wie sie uns im zweiten Buch der Könige überliefert ist: »Siehe, du verlässest dich auf diesen zerstoßenen Rohrstab, auf Ägypten? welcher, so sich jemand darauf lehnet, wird er ihm in die Hand gehen und sie durchbohren. Also ist Pharao, der König in Ägypten, allen, die sich auf ihn verlassen.« Die Prophezeiung behielt recht. Im Jahre 701 siegte Sanherib von Assyrien bei Altaku (oder Elteke) über die Ägypter und Hiskia und belagerte Jerusalem, mußte aber, da in seinem Heer die Pest und in der Heimat ein Aufstand ausbrach, 428 wieder abziehen. 689 eroberte er Babel, wo er ein solches Blutbad anrichtete, daß die Leichen die Straßen versperrten; alle Häuser wurden zerstört, Tempel und Turm von Babel, die gigantischsten Bauwerke der mesopotamischen Welt, in den Kanal gestürzt, über die Stadt Wasserfluten geleitet, damit jede Spur ihrer Existenz verschwinde. Aber schon zehn Jahre später stand sie wieder. Sanheribs Ende war unglücklich. Er ließ sich von seiner Lieblingsfrau dazu bestimmen, seinen Sohn von ihr, Asarhaddon, obgleich er der jüngste war, zum Kronprinzen ausrufen zu lassen; die erbosten älteren Brüder überfielen den Vater, während er im Tempel von Ninive sein Gebet verrichtete, und machten ihn nieder. Er war, wenigstens nach modernen Begriffen, ein »moderner« König: ein großer Naturfreund, der einen Park mit Obstbäumen, Spezereikräutern, seltenen Blumen und fremdländischen Tieren anlegte und – etwas Unerhörtes – mit Leidenschaft hohe Berge bestieg, und ein weitblickender Förderer des Wirtschaftslebens, indem er – als erster – geprägtes Geld einführte und nicht bloß die Myrrhe importierte, sondern auch die wundersamen »Bäume, welche Wolle tragen«. Die Darstellungen auf den Steinplatten, mit denen er seinen Thronsaal in Ninive schmückte, sind freier und natürlicher als die bisherigen, und die Torstiere, die den Palast bewachen, haben nur vier Beine. Bisher hatten sie nämlich fünf: Kam man von vorn, sah man die beiden Vorderbeine, kam man aber von der Seite, so war das eine gedeckt, und der Künstler hielt sich daher für verpflichtet, ein drittes hinzuzufügen. Wie hingegen die assyrischen Gesetze beschaffen waren, zeigt eine Tontafel mit Keilinschrifttext, auf der sich unter anderm folgende Bestimmung findet: »Gesetzt, ein Sklave oder eine Magd haben aus der Hand der Gattin des Herrn etwas für sich angenommen, so soll man dem Sklaven oder der Magd Nase und Ohren abschneiden . . . der Mann darf seiner Gattin die Ohren abschneiden.« Allerdings geht aus einem Zusatz hervor, daß er 429 dies nicht unbedingt tun muß, sondern auch unterlassen kann, und immerhin genießt die Gattin eine gewisse Protektion, indem sie auf alle Fälle die Nase behält. Aber man versteht in diesem Zusammenhang die Unbedenklichkeit, mit der die Assyrer ganze Städte ausmordeten. Assurnasirpal dem Zweiten, der in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts lebte, genügte dies noch nicht: Er ließ die Besiegten pfählen, lebend einmauern, schinden, ihre Schädel zu Pyramiden türmen und ihre abgezogene Haut auf den Mauern ausbreiten. Mit Recht hat der hervorragende Orientalist Alfred von Gutschmid die Assyrer »ein unsäglich scheußliches Volk« genannt, und die spätere Forschung hat vergebens versucht, dieses Urteil abzuschwächen. Damit verträgt es sich sehr wohl, daß es ihnen auch nicht an löblichen Eigenschaften: Mut, Fleiß, Verstand, Geschicklichkeit, Familiensinn fehlte. Das Dämonisch-Tierische ihrer Natur zeigte sich gerade darin, daß in ihrer Seele noch Bosheit und Klugheit, wohltätiges Wirken und viehische Grausamkeit widerspruchslos nebeneinander walteten. Welches Menschenwesen vermag es an Kampfkraft mit dem Tiger, an Geschicklichkeit mit der Biene, an Familiensinn mit dem Pelikan aufzunehmen? Selbst eine gewisse Frömmigkeit besitzen die Tiere: Sie zeigt sich zum Beispiel in der Liebe des Hundes zum Herrn. Aber sie besitzen kein Gewissen; das auch Babel und Assur fehlte. Dieses entwickelt seine ersten zarten Keime in den Herzen der Jünger Zoroasters und Buddhas, der jüdischen Propheten und griechischen Philosophen, und erhebt, für alle Zeiten siegreich, sein Haupt im Christentum. Das Böse ist seither keineswegs aus der Welt verschwunden, aber, was vielleicht ebensoviel wert ist, unwiderruflich zur Paradoxie geworden.

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