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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 206
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Heilige Land

Das Gebiet, das die Israeliten bewohnten, umfaßte ungefähr das südliche Drittel Syriens. Wann der Name Palästina aufkam, weiß man nicht: nachweisen läßt er sich erst bei Herodot; er leitet sich von den Philistern her. Das Land war mehr gelobt als gesegnet und keineswegs so begehrenswert, wie man nach den überschwenglichen Anpreisungen des Alten Testaments glauben sollte, vielmehr, wie Karl Ritter es in seiner Erdkunde schildert, »schwer zugänglich zwischen Wüsten und Meer, gesichert zwischen Klippen, Schluchten und Bergen, ohne Reiz, ohne Reichtümer, ohne Anziehungskraft für das Ausland, ohne 420 befahrbare Stromgebiete oder andere Naturbegünstigungen.« Und dennoch hat es für das Ausland immer eine große Anziehungskraft besessen, aber eine rein politische: durch seine Lage, denn es ist ein Reich der Mitte, gleichsam der Waagebalken zwischen der mesopotamischen und persischen Welt auf der einen und der ägyptischen und ägäischen Welt auf der anderen Seite.

Die einzige große Wasserader Palästinas ist der Jordan. Er strömt, wegen seines starken Gefälles nirgends schiffbar, von Norden nach Süden durch die breite Spalte des Jordangrabens, das Ghor, am Fuße des Hermon, des südlichen Ausläufers des Libanon, entspringend und drei Seen bildend: den kleinen Meromsee, der nur zwei Meter über dem Mittelmeer liegt, den etwa zweihundert Meter tiefer gelegenen fischreichen See Genezareth, der im Neuen Testament auch »Galiläisches Meer« und im Talmud »Tiberiassee« genannt wird, und das »Tote Meer«, das sich bereits vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel befindet: Diese tiefe Lage des gesamten Jordansystems macht Bewässerungsmethoden wie die ägyptischen oder babylonischen unmöglich. Das dritte Becken, etwa zweieinhalbmal so groß wie der Bodensee, konnte in der Tat beinahe ein Meer genannt werden, und »tot« hieß es, weil weder Pflanzen noch Tiere darin zu leben vermögen. Dies hat seinen Grund in dem außergewöhnlich hohen Prozentsatz an Kochsalz, den das Wasser enthält, weshalb bereits in der Genesis auch der Name »Salzmeer« gebraucht wird. Aus den verdunstenden Lachen gewann man schon in frühester Zeit die hochgeschätzte Speisewürze, die auch beim Opfern eine große Rolle spielte. »Eines Mannes Salz genießen« bedeutete: in seinen Diensten stehen; »mit jemand Salz essen« hieß: dessen Blutsbrüderschaft gewonnen zu haben, und dieser »Salzbund« galt als unverbrüchlich und heilig. Durch seine Dichte war das Wasser des Toten Meeres schwerer als der menschliche Körper, so daß der Badende 421 darin nicht unterging. Auch sah man auf dem Spiegel des Sees häufig große Brocken von Erdpech schwimmen, und daher hieß er bei den Griechen »Asphaltsee«. Durch all dies erhielt er etwas Unheimliches und Gespenstisches: man behauptete sogar, daß Vögel, die über seine Fläche flögen, durch den Pesthauch des Gewässers getötet würden.

Der Jordan, an beiden Ufern von steilen, schwer passierbaren Bergen umsäumt, trennt Palästina in zwei natürliche Hälften, die in ihren Lebensbedingungen ziemlich verschieden sind. Das Ostjordanland, hebräisch: Gilead, ist ein Beduinenstrich, auf dem Kamele und Kleintiere, wenig Bodengewächse gedeihen: das Westjordanland, das biblische Kanaan, besitzt fruchtbare Talebenen und mußte, obschon im ganzen ebenfalls ziemlich kümmerlich, den Bergstämmen des Ostens als das Gelobte Land erscheinen, worin Milch und Honig fließen: dort wuchsen Rebe und Olive, Feige und Gerste. Weide und Acker, Hirte und Bauer standen sich hier schroff gegenüber. Deshalb kam es auch niemals zu einer dauernden politischen Einheit. Aber auch im Westland haben Norden, Mitte und Süden – Galiläa, Samaria und Judäa – sich nie völlig verschmolzen: Der Samariter war für den Judäer immer der argwöhnisch, ja verächtlich gemiedene Ausländer, und was konnte aus Galiläa Gutes kommen? In der Tat kam von da die dem Judentum völlig fremdartige und gegensätzliche Lehre Christi.

Die kanaanäische Stadt Jebus, das spätere Jerusalem, lag auf mehreren Hügeln. Zur Zeit des Jüdischen Kriegs gab es nach der Topographie, die Josephus entwirft, die Unterstadt, die Oberstadt, so genannt, weil sie auf einem bedeutend höheren Hügel erbaut war, den Tempelhügel, den Hügel der Neustadt Bezetha und die »Vorstadt«. Die Burg Zion, die David eroberte, befand sich auf dem Hügel der Unterstadt, der zwar niedriger, aber mit seinen schroffen Abhängen schwerer zugänglich war; unter Salomo wurde der Name auf den Tempelberg übertragen 422 und in der hellenistischen Zeit auf den höchsten Berg. Die Burg war in älteren Zeiten das einzige größere Gebäude der Stadt, eine Festung in der Festung; sonst gab es nur engbrüstige, ängstlich an die Felswand gekauerte Häuser und winkelige, holprige Gassen, wobei nicht selten die flachen Dächer der tiefer gelegenen Bauten den höheren als Gehsteig dienten. Östlich von der Stadt floß, ins Tote Meer mündend, der Bach Kidron; sein Bett, das er nur zur Regenzeit füllte, hieß das Tal Josaphat: Es war der Friedhof für Leute aus dem niederen Volk und galt als verrufener Ort, zugleich aber auch als heilige Stätte des künftigen Weltgerichts. Noch östlicher liegt der Ölberg.

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