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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 202
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Drittes Kapitel

Gott und Erde

Mensch, was du liebst, dazu wirst du verwandelt werden,
Gott wirst du, liebst du Gott, und Erde, liebst du Erden
Angelus Silesius

Samum

Alle Semiten stammen aus Arabien und waren ursprünglich Nomaden: In dieser rohen und wahrscheinlich sogar falschen Formel ist gleichwohl alles Wesentliche beschlossen, was sich über diesen Menschheitsstamm aussagen läßt. Denn aus ihr folgt alles andere.

Die arabische Halbinsel, vielleicht das merkwürdigste geographische Gebilde unseres Planeten, ruht in einer Ausdehnung von drei Millionen Quadratkilometern, mehr als halb so groß wie Europa ohne Rußland, mehr als sechsmal so groß wie das Deutsche Reich, als ein riesiger Querriegel zwischen dem Roten und (wie die Araber den Persischen Golf nannten) dem Grünen Meer. Diese Lage ist von einzigartiger und entscheidender Bedeutung, und man kann sagen: wer Arabien besäße, wäre Herr der Welt, zumindest jener Welt, die den Schauplatz des Altertums gebildet hat. Aber das ist bisher noch keinem Sterblichen gelungen: Arabien kann man nicht besitzen. Auch der große Sargon, von dem im vorigen Kapitel die Rede war, hat sicher nur einige Küstenstriche und Karawanenstraßen vorübergehend beherrscht. Ein noch Größerer, der Makedone Alexander, der sich, wie alle Genies, immer die schwierigsten Aufgaben stellte und mit seinem großartigen Scharfblick 412 erkannt hatte, daß dies das Meisterstück sei, das die Weltgeschichte dem »König von Asien« zur Lösung biete, rüstete im Sommer 323 zu einem Zuge nach Arabien. Eine große, eigens für diesen Zweck erbaute Flotte stand zum Auslaufen bereit; Nearch, der bereits das Wunder der Indienfahrt vollbracht hatte, war zum Führer der Expedition bestimmt, an der der König persönlich teilzunehmen gedachte. Aber die Abfahrt mußte verschoben werden, da Alexander plötzlich erkrankte. Im Juni, am 20. Daïsios, hatte er noch eine lange Unterredung mit seinem Admiral; neun Tage später war er tot.

Arab heißt auf deutsch Wüste, Steppe, und etwas anderes ist Arabien auch in der Tat nicht: sein Boden ist zu 65 Hundertteilen Steppe, zu 30 Wüste, nur das restliche Zwanzigstel ist Humusland. Im wesentlichen ist die Halbinsel ein Hochplateau mit steil abfallenden Randgebirgen, also die beste natürliche Festung, die sich denken läßt. Sie besitzt keine einzige dauernd pulsierende größere Wasserader, nur episodische Flüsse, die sogenannten »Wadis«: Trockentäler, die sich zeitweise mit Regen füllen. Daher ist die Quelle, die, kaum aus dem Felsen gesprungen, sogleich zum Brunnen gefaßt wird, der Ziehbrunnen, der das Grundwasser emporsaugt, und die Zisterne, die das Regenwasser sammelt, für den Araber ein heißbegehrtes und eifersüchtig behütetes Kleinod. Daneben löscht er seinen Durst mit der Milch nicht bloß des Schafs und der Ziege, sondern auch des Kamels und des Pferdes. Das Rind ist in erster Linie Zugtier; Fleisch wird überhaupt nur wenig verzehrt. Die Hauptnahrung bilden Brotfrüchte, Hülsenfrüchte und die köstlichen Datteln, die sowohl Speise wie Trank bieten: der Araber nennt die Dattelpalme dankbar die »Schwester des Menschen«. Aber auch Eidechsen, Heuschrecken und Termiten finden sich auf seinem Küchenzettel.

Im Juni, Juli und August weht der gefürchtete »Giftwind«, der Samum, gleich schrecklich durch seine Hitze, seinen 413 Mangel an Feuchtigkeit und seinen Sandgehalt. Man kann in ihm ein Symbol der arabischen und überhaupt der semitischen Seele erblicken, deren Wesen trockene Glut ist: Mächtig daherbrausend fegte sie über die erschrockene Welt, eine unwiderstehliche Kraft, die aber nur zu dörren und zu lähmen vermochte; und eines Tages war sie davongestürmt, als wäre sie nie gewesen.

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