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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 200
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der ägyptische Rabbinismus

In der Spätzeit übersteigerten die Ägypter ihre Religiosität ins Maßlose und Absurde. Zumal der Tierkult nahm erst jetzt jene abenteuerlichen Ausmaße an, in denen man jahrtausendelang das Typische der ägyptischen Frömmigkeit erblickt hat. Gerade ihr dämmerndes Seelenleben war es, wodurch die Tiere den Ägyptern im geheimnisvollen Schimmer der Heiligkeit erschienen; wozu Friedrich Theodor Vischer in seiner Ästhetik sehr geistvoll bemerkt hat: »Das Tier scheint soeben etwas sagen zu wollen und nicht zu können; ebenso diese Religion.« Wenn der Apisstier im Ptahtempel von Memphis starb, wurde er einbalsamiert, in feinstes Linnen gewickelt, mit kostbaren Amuletten und Schmucksachen behängt und in einem Sarg aus Zedernholz oder rotem Granit beigesetzt; die Frommen trugen Trauerkleider und genossen siebzig Tage lang nichts als Wasser und Kräuter. Herodot sah am Mörissee ein heiliges Krokodil, 408 das an den Ohren und Vorderfüßen mit Gold und Edelsteinen geschmückt war. Aber auch Kühe und Böcke, Falken und Ibisse, Aale und Schlangen, Ratten und Mäuse waren geheiligt, und wenn eine Feuersbrunst ausbrach, war es die erste Sorge, die Katzen zu retten. Überall auf ägyptischem Boden finden sich beerdigte Tierleichen aller Art, oft aufs kunstvollste mumifiziert und in Särgen verwahrt, die ihre Körperform wiederholen. Von den Krokodilen begrub man sogar die Eier. Diodor erzählt, daß der Pöbel einen römischen Soldaten umbrachte, weil er aus Versehen eine Katze getötet hatte, und Strabo behauptete, daß in Ägypten überhaupt nur Tiere göttlich verehrt würden.

Auch die Kunst wird erst in der Spätzeit so hyperreligiös, klerikal und »hieratisch«, wie sich die vulgäre Auffassung alle ägyptische Kunst vorstellt. In dieser ihrer letzten Entwicklungsperiode, der einzigen, die uns durch Schilderungen fremder Augenzeugen bekannt ist, war die ägyptische Kultur bewußt und betont altmodisch, eine Art »zweite Besetzung« und unheimliche Doppelgängerin ihrer eigenen grauen Vorzeit, was den Beobachtern entgangen ist. Die offizielle Sprache war ein künstlich wiederbelebtes archaisches Ägyptisch, etwa von der Art, wie wenn die heutigen Athener ihre Regierungsverordnungen in xenophontischem und ihre Theaterstücke in menandrischem Griechisch verfassen wollten (was sie übrigens bis zu einem gewissen Grad tatsächlich tun); die Ämter und Titulaturen der Pyramidenzeit wurden erneuert; die Grabmalereien bemühten sich, in Form und Inhalt genaue Wiederholungen der Texte und Bilder des Alten Reichs zu geben, so daß bisweilen nicht gleich zu erkennen ist, ob ein Wandschmuck dem Anfang oder dem Ende der ägyptischen Geschichte angehört; auf den Statuen erscheinen die Zeitgenossen nackt und mit Schurz wie in den Tagen des Cheops: Es war eine Art Empirestil, nur viel energischer und konsequenter durch alle Lebensverhältnisse 409 geführt als der napoleonische. Und da man natürlich vor allem auch im Glauben auf das Uralte zurückgriff und es mit höchster Zähigkeit behauptete, so entwickelte sich eine Religiosität der strengen Speisevorschriften und extremen Reinheitsgesetze, des peinlichen Ritualismus und exklusiven Dünkels gegen alles Fremde, die man nicht anders als rabbinisch benennen kann. Merkwürdigerweise hat um dieselbe Zeit wie in Ägypten auch in Mesopotamien eine solche »romantische« Strömung geherrscht: im sogenannten Neubabylonischen Reich, das sich um anderthalb Jahrtausende in die Tage Hammurapis zurückzuträumen versuchte.

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