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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die ästhetische Urteilskraft

Kant nennt den »Inbegriff aller Gegenstände einer möglichen Erfahrung« Natur und knüpft daran die Frage: Wie ist Wissenschaft von diesem Gesamtkomplex der Erfahrung, wie ist Naturwissenschaft möglich? Oder mit anderen Worten: Gibt es Begriffe, die für alle Erfahrung Gültigkeit haben, und 45 wenn dies der Fall ist, warum gelten sie? Es gibt solche Begriffe, zum Beispiel: Einheit des Ich, Substanz, Kausalität; und sie haben empirische Geltung oder, was dasselbe bedeutet, Realität, weil sie die Erfahrung machen, weil durch sie die Erfahrung überhaupt erst möglich wird. Kant nennt sie »reine« Begriffe, weil sie der Erfahrung nicht bedürfen, vielmehr ohne Zuhilfenahme der Erfahrung in uns entstanden sind, und das Vermögen, sie zu bilden, »transzendental«, weil es, als bloße Möglichkeit der Erfahrung, vor aller Erfahrung liegt, ihr vorhergeht. Alle Erfahrung wird nachträglich, a posteriori, gewonnen, diese Begriffe aber sind als die apriorische Ausstattung unseres Verstandes in uns allen von Anfang an vorhanden, und ebendarum haben sie allgemeine, notwendige und objektive Geltung; aber bloß für uns. Sie gelten, soweit die Erfahrung reicht; und nur so weit. Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, vielmehr verhält es sich gerade umgekehrt: er diktiert sie ihr. Da aber die gesamte Natur durch die subjektive Organisation des Menschen (nicht des Individuums, aber der Gattung) bedingt, bestimmt und vorausbestimmt, da sie ein Produkt seiner Denkformen ist, so trägt sie den Charakter der bloßen Erscheinung.

Gegeben sind uns nur die Eindrücke oder Empfindungen. Indem wir diesen dunklen Stoff durch die uns innewohnende Anschauung in eine zeitliche und räumliche Ordnung, durch unseren Verstand in eine gesetzmäßige Verknüpfung bringen, entsteht erst Natur, Erfahrung, Realität. Was wir hinzubringen, ist lediglich die Form: Zeit und Raum, Kausalität und die anderen Kategorien. Aber die Form ist für die Erfahrung alles, ohne sie wäre nichts da, oder vielmehr: wir können nicht im geringsten sagen, was dann noch da ist. Was zurückbleibt, ist das »Ding an sich«, das Ding, wie es, abzüglich aller Apperzeption, die wir von ihm haben, an sich selbst ist, das Ding ohne unsere Vorstellungen, also das vollkommen Unvorstellbare.

46 Während die Kritik der reinen Vernunft sich mit der Untersuchung befaßt: was ist Wahrheit?, beantwortet die Kritik der Urteilskraft die Frage: was ist Schönheit? Der Gedankengang ist hier wiederum ein ganz ähnlicher. Wie die Naturgesetze ein Produkt unseres Verstandes, so sind die ästhetischen Gesetze ein Produkt unseres Geschmacks, einer ganz bestimmten Betrachtungsart, durch die die Objekte erst unter die Kategorie des Schönen gebracht werden. Schönheit ist ein Prädikat, das wir den Dingen verleihen, das ihnen ebenso hinzugefügt wird wie der Begriff der Kausalität dem Stoff unserer Erfahrung; nicht die Dinge sind ästhetisch, sondern unsere Vorstellungen von ihnen, unsere Urteile über sie. Das Vermögen, solche Vorstellungen zu bilden, nennt Kant die »ästhetische Urteilskraft«. (Die Bezeichnung ist nicht sehr glücklich gewählt, so wenig wie die Ausdrücke »rein«, »transzendental«, »Ding an sich« und überhaupt die meisten Vokabeln der kantischen Terminologie; aber man darf sich durch sie nicht abschrecken oder beirren lassen: es verhält sich hier ähnlich wie mit gewissen Ortschaften, bei denen im Baedeker die Warnung steht: »man achte darauf, daß bisweilen die Straßentafeln vertauscht sind«; deshalb können die Straßen noch immer vorzüglich angelegt und geführt sein.)

Die ästhetischen Urteile gründen sich auf ein universelles Gefühl, das Kant den ästhetischen Gemeinsinn nennt: eben weil es universell ist, ist es auch allgemein mitteilbar. Dadurch, daß die ästhetischen Vorstellungen auf einem apriorischen Gefühl beruhen, unterscheiden sie sich einerseits von den logischen Urteilen, die sich auf Funktionen des Verstandes stützen, und andrerseits von den Prädikaten der Nützlichkeit wie der Annehmlichkeit, da diese aus der Erfahrung geschöpft, also aposteriorisch, außerdem subjektiv und individuell, also nicht allgemeingültig sind. Das ästhetische Urteil aber tritt mit einem Gefühl der Universalität und Beglaubigung auf: »Die Lust, 47 die wir fühlen, muten wir einem jeden anderen im Geschmacksurteile als notwendig zu.« Geschmacksurteile sind allerdings nicht beweisbar, weil sie eben nicht auf Begriffen beruhen. De gustibus non est disputandum. Aber dadurch entziehen sie sich auch dem Streit.

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