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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 196
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Syromanie

Aus Asien kamen aber noch ganz andere Dinge als einige Eisenklumpen. Es herrschte in der späteren Zeit des Neuen Reiches geradezu eine Art Asianismus, eine Syromanie, vergleichbar der europäischen Gallomanie und Anglomanie. Ähnlich wie zu Beginn der Barockzeit die deutsche Sprache sich mit französischen Brocken füllte und gegen Ende der römischen Republik die Konversation mit griechischen Floskeln gespickt war, drangen damals ins Ägyptische eine Menge semitischer Fremdwörter. Bei Bezeichnungen für neue Gegenstände, die aus dem Osten importiert waren, war dies noch begreiflich, aber bei uralten Begriffen wie Fluß, Meer, Haus, Schreiber war es eine ebenso törichte Affektation wie das »alamodische Wesen« des siebzehnten Jahrhunderts. Eine feine Dame sagte zur Begrüßung im kaiserlichen Rom »chaire«, im vormärzlichen 396 Berlin »bonjour« und in Theben »schalam«. Daß das Babylonische die Sprache der Höfe war, wurde bereits mehrfach erwähnt. Auch allerlei ausländische Gottheiten gelangten zu Ansehen. Am stärksten war der asiatische Einfluß in der Tracht. Das Arrangement der Perücken, die sich oft tief über beide Schultern legen, wird höchst kompliziert, und zwar gleichermaßen bei Männern wie bei Frauen, so daß die Geschlechter in ihrem Äußeren oft kaum zu unterscheiden sind. An die Stelle des alten Lendenschurzes treten weite gebauschte Gewänder mit Ärmeln (etwas ganz Neues) und fashionablen Glocken, die aufs feinste plissiert sind; unseren »englischen« Stoffen entsprachen die »phönizischen«, die aber, nicht anders als diese, sehr oft einem gut einheimischen Orte vom Range Brünns oder Zwickaus entstammten. Nur die Priester hielten an der alten Kleidung fest. Zu den grellbunten Würfelungen der Phönizier hat sich der ägyptische Geschmack aber niemals verstanden; die Roben blieben, wie bisher, weiß und höchstens am Rande gemustert. Die Syrer waren zunächst in untergeordneten Stellungen nach Ägypten gekommen: als Sklaven, Geiseln, Händler, Kriegsgefangene, brachten es aber bald zu großem Einfluß, ebenso wie später in Rom. Wie stark die Einströmung war, läßt sich daran erkennen, daß es in Memphis (und wohl auch anderwärts) ein ganzes Asiatenviertel gab, mit Gotteshäusern, Lagerplätzen und Kontoren, in der Art des Stahlhofs der hansischen Kaufleute in London. Soldaten aus dem Osten sah man am Nil mindestens so häufig wie im modernen Frankreich Zuaven und Turkos. Ein kleines Kalksteinrelief aus der Zeit Echnatons zeigt einen syrischen Söldner mit Vollbart, bebändertem Haar und buntem, troddelbesetztem Schurz, der nach heimischer Sitte mit einem Heber, den ihm sein Knabe gereicht hat, aus einem großen Kruge Bier trinkt; ihm gegenüber sitzt seine Gattin, ägyptisch frisiert und gekleidet, in der lässigen und windschiefen Amarnahaltung.

397 Aus Asien scheint auch eine gewisse Obszönität herübergekommen zu sein, die dem Ägypter bisher fremd war; die schwüle Atmosphäre vieler Liebeslieder und die Schlüpfrigkeit mancher erotischer Karikaturen deuten darauf hin. War die Kleidung früher frei, so wird sie jetzt degagiert; und die Nacktheit, bisher etwas harmlos Natürliches, wirkt nun provokant. Daß vornehme Damen nicht nur die Brust, sondern auch den vollen Vorderkörper entblößten, wie es auf Bildern aus der Amarnazeit zu sehen ist, dürfte vorher wohl kaum jemals üblich gewesen sein. Die Stutzer trugen damals den Schurz hinten hoch und lang, vorne aber ganz kurz, so daß Bauch und Nabel unbedeckt blieben, was, auch wenn man den ägyptischen Maßstab anlegt, als eine ebenso perverse wie unästhetische Mode angesprochen werden muß: auch an diesen äußerlichen Details zeigt sich, daß die Reform Echnatons in ihrer hemmungslosen Outriertheit ein Werk der Décadence war. Es darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, daß die Knabenliebe, die im Orient, sogar bei dem edeln Perservolk, gang und gäbe war, den Ägyptern allem Anschein nach fast unbekannt geblieben ist; man hört wenigstens nie davon. Hingegen haben sie von ihren Nachbarn etwas Weibisches angenommen, nicht nur im Exterieur, zum Beispiel in der unschönen Sitte, Ohrringe zu tragen, was vor der achtzehnten Dynastie nicht einmal die Frauen taten, sondern auch in einem bedeutend gesteigerten Hang zu raffiniertem Genußleben. Besonders seit Amenophis dem Dritten, der schon mehr ein Dynast arabischen oder türkischen Stils war, herrscht ein weichlicher und schwärmerischer, sinnlicher und schwelgerischer Geist am Königshofe. Die Tänze werden immer lasziver: die Akrobatinnen und Jongleusen, die sie ausführten, verrenkten den Körper in den gewagtesten Wendungen, wobei das Gesäß eine Hauptrolle spielte (der Tanz war den Ägyptern als gegenseitige Unterhaltung der Geladenen nicht bekannt, sondern nur als 398 Schaustellung bezahlter Professionisten und als magische Zeremonie der Anverwandten bei Beerdigungen). Sicher haben die gewandten und anmutigen Bewegungen der jungen Mädchen auch einen ästhetischen Genuß geboten, und die ägyptische Choreutik war im ganzen Altertum berühmt und begehrt; ihre Kunst ist aber während der mohammedanischen Zeit untergegangen, und was heutzutage am Nil als »ägyptischer Tanz« geboten wird, ist nur noch abscheulich. Auch die Musik lag vorwiegend in den Händen weiblicher Kräfte, und auch hier machte sich asiatischer Einfluß geltend. Grelle und lärmende Instrumente drängen sich vor, das Zeitmaß ist beschleunigt, der Rhythmus aufreizender und leidenschaftlicher, die Besetzung des Orchesters stärker und komplizierter. Noch zur Diadochenzeit galt die alexandrinische Musik als die wirkungsvollste und großartigste, und Otfried Müller meinte sogar, nach den Angaben der Alten müsse man glauben, daß damals die Instrumentalmusik nicht weniger reich und mannigfaltig gewesen sei als die unsere. Wir können uns davon keine Vorstellung mehr machen, denn auf stumme Bilder angewiesen, kennen wir die Tonkunst des Neuen Reichs nur als Pantomime; aber an Farbigkeit und Ausdruckskraft ist sie damals sicherlich gewachsen.

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