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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 195
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Verwaltung

In Syrien lagen allenthalben stark bemannte und befestigte Militärstationen. Außerdem suchte man die Söhne der Fürsten 393 und Großen zu ägyptisieren, indem man sie am königlichen Hofe erziehen ließ. Die Tribute gingen natürlich immer sehr zögernd und unregelmäßig ein. Übrigens haben die Ägypter von jeher eine Neigung gehabt, nicht nur deren Zahl und Wert maßlos aufzubauschen, sondern auch überhaupt die ganze Einfuhr als »Tribut« zu buchen, während es sich in Wirklichkeit um gewöhnlichen Tauschverkehr gehandelt hat: daß Babel und Assur, Hatti und Mitani Abgaben leisteten, ist ganz ausgeschlossen. Die begehrtesten Importartikel waren Sklaven und Rosse, Wein und Öl, Silber und Kupfer, Holz für Bauten und Luxuswaren, »Blaustein« und »Rotstein« (offenbar Lapislazuli und Karneol), auch seltene Tiere wie Bären und Elefanten. Auch die Giraffe haben die Ägypter schon gekannt: sie ist auf einer Darstellung nubischer Tribute abgebildet, aber merkwürdig klein, nicht viel größer als die Schwarzen, die sie führen, man scheint ihr also keine erhebliche Bedeutung beigemessen zu haben; ihre Hieroglyphe ist das Phonogramm für »verkünden«. Den Export beherrschte das Gold der fast unerschöpflichen nubischen Bergwerke; auch erhebliche Getreidemengen wurden ausgeführt, an Fabrikaten vornehmlich Papyrusrollen, Gewebe, Kunstgegenstände. Auch Nubien war durch armierte Stützpunkte gesichert und außerdem durch eine starke Flotte, die beständig auf dem Nil kreuzte; das gesamte Gebiet stand unter einem Vizekönig, der den Titel »Königssohn von Kusch« führte. Bis tief nach Obernubien hinein wurden Kanäle angelegt, Städte erbaut, schöne Tempel errichtet. Die Nubier erscheinen auf den Abbildungen zumeist modisch gekleidet, mit hohen ägyptischen Frisuren, so wie etwa heute afrikanische Neger mit besonderer Vorliebe Zylinder tragen; schwarze Prinzessinnen kutschieren elegante Kabrioletts, die nur darin ihren provinziellen Charakter bekunden, daß sie mit Ochsen bespannt sind. Ägyptische Sitte, Kultur und Religion haben sich, in ihrer Versteinerung zur Konvention, gerade in Nubien am 394 allerzähesten erhalten, so daß die Griechen glaubten, sie sei überhaupt dort entstanden und erst später nach Norden gewandert. Auch mit Kreta, das die Ägypter Keftiu nannten, bestand ein lebhafter Handelsverkehr. Tonvasen, die man in ägyptischen Gräbern aus der Zeit der Thutmosiden gefunden hat, glichen wie Abgüsse solchen aus der mykenischen Periode der griechischen Inseln: Sie dienten zum Öltransport. Umgekehrt hat man auf kretischem Boden ägyptische Skarabäen und Fayencen zutage gefördert.

An der Spitze des Staatswesens stand noch immer der Wesir, der die Funktionen eines Kriegsministers, Kultusministers und Kanzlers vereinigte; außerdem war er der oberste Richter, der täglich in der »Halle des Wesirs«, die vierzig Lederrollen des Gesetzbuches vor sich, umgeben von seinen Beisitzern, Recht sprach; Stenographen (es gab schon damals eine abkürzende Schnellschrift) protokollierten jedes Wort, das gesprochen wurde. Über die einzelnen Bezirke waren Landräte, über die Städte Bürgermeister gesetzt. Bei der feierlichen Inauguration, die er persönlich vornahm, ermahnte der König den Wesir in Worten, die bei diesem Anlaß immer wiederholt wurden, zur unerschütterlichen Gerechtigkeit: »Es ist ein Greuel vor Gott, wenn man Parteilichkeit zeigt. Dies ist eine Lehre, nach der du tun sollst. Den du kennst, sollst du ansehen als einen, der dir unbekannt ist, und der dem König nahe ist, soll dir gelten als einer, der ihm fern ist. Sei nicht ungerechtfertigt erzürnt, sondern nur erzürnt über Dinge, derentwegen man wirklich zornig sein muß.« In der Tat war der Wesir in Ägypten zu allen Zeiten eine sehr populäre Figur: Er galt als Beschützer der Armen, »der keine Bestechung vom Schuldigen annimmt«.

Das zahlreiche städtische Proletariat bezog in guten Zeiten eine ausreichende Löhnung an Kleidern, Salböl und Nahrungsmitteln; wenn diese aber ausblieb, kam es sehr leicht zu Unruhen. Auch die Beamtengehälter wurden in Naturalien 395 gezahlt, abgestuft nach der Rangklasse des Funktionärs und der Größe des Unterpersonals, und ebenso verhielt es sich mit den vielfältigen Steuern von Grundbesitz und Bodenbau, Marktgewinn und Manufaktur. Als Naturalwaren galten auch die Edelmetalle, und ihr Wert war ziemlich verschieden, da man sie, nicht immer mit Wissen des Käufers, zu legieren pflegte. Ein wunderschöner Dolch mit Knauf aus Bergkristall und ziselierter Goldscheide, den man im Grabe Tutenchamons gefunden hat, war aus Eisen, das noch immer im reinsten Glanze wie Stahl schimmerte; dieses Material galt damals offenbar noch als eine ganz besondere Kostbarkeit. Es kam aus Kleinasien: ein mysteriöses Metall, amutum, das wahrscheinlich mit dem Eisen identisch ist und fünfmal so teuer war wie Gold, wurde von den Assyrern in Kappadokien eingehandelt; auch die Hethiter haben schon zur Zeit ihres »Alten Reichs« Statuen, Schmuck, Gedenktafeln und Prunkwaffen aus Eisen hergestellt, und unter Ramses dem Zweiten lieferten sie davon bereits eine ganze Schiffsladung nach Ägypten. So bereitet sich auch auf diesem Gebiet gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends etwas völlig Neues vor.

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