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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 193
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Ein Gelehrtenstreit vor 3200 Jahren

Über den wissenschaftlichen Unterricht, wie er im Neuen Reich auf der Elementarschule gehandhabt wurde, informiert eine Handschrift (Papyrus Hood und Moskauer Papyrus), die den hochtrabenden Titel führt: »Die Lehre, die klug macht und den Unwissenden unterrichtet, alles zu kennen, was existiert, den Himmel mit seinen Sternen, die Erde und was in ihr ist, was die Berge ausspeien und was aus dem Ozean fließt, alle Sachen, die die Sonne beleuchtet, und alles Zeug, das auf dem Boden 389 wächst«; in Wirklichkeit ist es nichts als ein Wörterverzeichnis und man lernt daraus bloß Orthographie. Zuerst kommen die Bezeichnungen für die Sternbilder und Himmelserscheinungen, Wasserformen und Erdbildungen, dann Ausdrücke für die Götter, das Königshaus, die Priester und Beamten, Truppen und Handwerker, Städte und Völker, die Gebäude und ihre Teile und »alles, was man essen und trinken kann«, welche Liste länger ist als die der Städtenamen (nebenbei bemerkt, wiederum ein Beweis für den ägyptischen Infantilismus: das Vokabular des Kindes ist ebenfalls am reichsten an Synonymen für Eßwaren und hat zum Beispiel im Deutschen für Süßigkeiten allein zwei Dutzend Worte).

Einen köstlichen Einblick in den höheren Wissenschaftsbetrieb gewährt eine lange polemische Abhandlung in Briefform (Papyrus Anastasi I), die ein Gelehrter aus der Zeit Ramses' des Zweiten namens Hori an einen literarischen Rivalen, Amenemope, den Sohn des Mose, schreibt (Mose ist ein rein ägyptischer Name). Der Brief beginnt mit einer Selbstcharakteristik des Verfassers: »Man freut sich seiner Reden, wenn man sie hört; nichts gibt es, was er nicht wüßte; der Hervorragendste unter seinen Genossen, dessengleichen es nicht gibt; die schwierigsten Stellen versteht er, als ob er sie verfaßt hätte«; dann folgt die Begrüßung des Adressaten, aus der man ersieht, daß das Vorhergehende weniger Arroganz als Konversation war, denn sie enthält fast dieselben Worte: auch Amenemope ist einer, dessengleichen es nicht gibt, und nichts gibt es, was er nicht wüßte. Hieran reiht sich ein lange Liste von guten Wünschen, und dann erst gelangt Hori zu seinem eigentlichen Thema, der Beantwortung der gegnerischen Abhandlung. Zunächst ist alles darin falsch: »Deine Aussprüche vermischen dieses mit jenem, alle Deine Worte sind verkehrt und sie sind nicht richtig geknotet.« Nicht genug damit, sind sie auch nicht von ihm: »Du hast Deinen Brief nicht allein geschrieben. Du gewährst Deinen 390 Gehilfen Geschenke und sie sagen zu Dir: habe Mut, wir werden ihn besiegen« (es ist dies bereits ganz die moderne Technik der Überbeschimpfung: dem Gegner Unsinn anzukreiden und ihm dann nicht einmal von diesem die Autorschaft zu gönnen). Amenemope scheint allerdings mit noch stärkerem Tabak gekommen zu sein: Er hatte Hori in seinem Briefe verflucht und ihm sogar angewünscht, daß er unbegraben bleiben solle, worauf dieser erwidert: »Worin bin ich denn schlecht gegen Dich gewesen, daß Du mich so angreifst? Ich habe doch nur eine Scherzschrift an Dich gerichtet, die allen Leuten zur Erheiterung gedient hat« (ob sie gar so harmlos gewesen sein wird, ist auch wiederum die Frage). Und nun wird dem Amenemope, der den Gelehrten bloß spiele, ausführlich vorgerechnet, was er alles nicht kann: »Sage mir einmal, wieviel Proviant man für die Soldaten braucht, wenn ein See von dem und dem Rauminhalt gegraben werden soll; oder gib an, wieviel Ziegel man für eine Rampe braucht, deren Länge, Breite und ansteigende Höhe bekannt ist; ebensowenig verstehst Du die Last eines Obelisken abzuschätzen; auch beim Aufstellen eines Kolosses kalkulierst Du falsch; Du nennst Dich einen Weitgereisten, aber von Syrien hast Du keine Ahnung!« Aus dem ganzen Kontext geht aber hervor, daß Amenemope dem Hori ganz ähnliche Vorhaltungen gemacht hat. Allem Anschein nach verhielt es sich nun so, daß die beiden nicht etwa einander Aufgaben gestellt, sie beantwortet und dann gegenseitig korrigiert haben, sondern daß sie sich gewisse Fragen ausdachten (es handelt sich meistens um sogenannte »Textgleichungen«) und dann fingierten, daß der andere sie nicht lösen könne. Es ist möglich, daß sie alle beide nicht Bescheid wußten; wahrscheinlicher aber ist es, daß sie beide ganz gut beschlagen waren und sich nur, wie die Gelehrten zu allen Zeiten, gegenseitig als Ignoranten hinstellten. Jedenfalls können die beiden Partner dieses »literarischen Streites«, wie ihn Erman nennt, sich an drolliger Aufgeblasenheit, Geschwätzigkeit und Rechthaberei mit den 391 »Savants« Molières durchaus messen. Und das Ganze erinnert wiederum an die Art von Kindern, die sich auch gern gegenseitig »prüfen« und gleich mit »falsch« bei der Hand sind, noch ehe der andere den Mund aufgetan hat. Besonders ergötzlich ist der Schluß, wo sich das geographische Vokabular Horis gleichsam selbständig macht und der Adressat mit exotischen Namen erstickt wird: »Bist Du zum Lande Tachsi gekommen, nach Kafr-Mereren, Tement, Deper, Azai, Har-nemi? Kennst Du den Namen von Chelez, das im Lande Upe liegt? Belehre mich über Rehob, erkläre Betscha-el und Kirjat-el!«

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