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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 191
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Märchen

Daß die Ägypter auch Ansätze zum Epos entwickelten, zeigt das Gedicht auf die Schlacht von Kadesch. Die Produktion an erzählender Literatur war sicher sehr reich, ist aber zum größten Teil verschollen. Das »Märchen von den beiden Brüdern« ist in neuägyptischer Sprache geschrieben, also frühestens zur Zeit Echnatons, da sie ja erst unter ihm literaturfähig wurde. Die Frau des älteren Bruders will den jüngeren verführen. Sie sagt zu ihm: »Komm, wir wollen uns vergnügen und schlafen. Ich will dir auch schöne Kleider machen.« Da wurde der aber so wütend wie ein Leopard und sagte: »Du bist doch für mich wie eine Mutter und dein Mann ist für mich wie ein Vater, denn er ist der Ältere und hat mich aufgezogen. Was soll da diese große Abscheulichkeit, die du mir gesagt hast? Die sage mir nicht noch einmal.« Aus Angst und Rache verleumdet ihn die Frau bei ihrem Gatten, indem sie den Sachverhalt umdreht: Er habe gesagt: »Komm, wir wollen uns vergnügen und schlafen« und sie: »Bin ich denn nicht deine Mutter? Und mein Mann ist für dich wie ein Vater.« Da wurde auch dieser so wütend wie ein Leopard und beschloß, seinen Bruder zu töten. Aber die Kuh sagte: »Paß auf, da steht dein älterer Bruder hinter der 386 Stalltür mit einem Spieß, um dich zu töten. Lauf fort vor ihm.« Und der jüngere Bruder lief fort und der ältere verfolgte ihn; aber Re, »der zwischen dem Frevler und dem Gerechten richtet«, ließ ein großes Wasser zwischen beiden entstehen, das voller Krokodile war. Von da geht die Geschichte noch ziemlich lange weiter, aber sehr verwirrt und nur noch für ägyptischen Geschmack genießbar. Ein anderes Märchen, »Der verwunschene Prinz«, behandelt das allverbreitete Motiv vom Fluch der Feen. Ein König bekommt lange keinen Sohn; endlich gewähren es ihm die Götter. Da kommen die »Hathoren« an die Wiege und sagen: »Der stirbt durch das Krokodil oder durch die Schlange oder durch den Hund.« Da wurde Seine Majestät sehr, sehr traurig und ließ ein steinernes Haus in der Wüste bauen, das der Knabe niemals verließ. Als er aber herangewachsen war, erblickte er vom Dach einen Windhund und fragte: »Was ist denn das, was da hinter dem Mann geht? Ich will auch so etwas haben.« Als Seine Majestät das erfuhr, sagte sie: »Man soll ihm einen kleinen Springer bringen, der wird ihm nichts schaden.« Schließlich aber hält es den Prinzen nicht länger in seinem Schloß und er geht, vom Hunde begleitet, auf Abenteuer. Er gewinnt unerkannt die Hand einer Fürstentochter, die ihn nun vor dem Eintreffen der bösen Prophezeiungen wachsam zu behüten sucht. Eine Schlange, die ihn beißen will, betäubt sie mit Bier. Die Handschrift bricht in der Mitte ab, und die meisten Textrezensenten nehmen an, daß im weiteren Verlauf auch die beiden andern Gefahren überwunden wurden; Erman aber glaubt, daß am Schluß berichtet wurde, wie der gute Hund seinen Herrn unwissentlich ums Leben brachte.

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