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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 190
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Liebeslyrik

Die Poesie des Neuen Reichs kann sich ebensowenig wie im Mittleren Reich mit den Steindichtungen messen; doch überrascht eine gewisse Modernität. In der Liebeslyrik zum Beispiel ist, ganz wie zur Rousseauzeit, eine bukolische Maskerade an der Tagesordnung: Man liebt es, seine Gefühle ins Ländliche zu 384 verkleiden und an eine fiktive »schöne Schäferin« zu adressieren, die aber am Nil häufiger eine Vogelfängerin war, ein im alten Ägypten sehr verbreiteter, aber nichts weniger als angesehener Beruf; und so konnte man schon damals verwöhnte Damen, »à la jardinière« kostümiert, im blumengeschmückten Papyrusboot flirtend, die Komödie »einfachen Naturlebens« spielen sehen. Aber bisweilen regt auch echte Naturempfindung, freilich noch recht schüchtern, ihre Schwingen, zum Beispiel in dem Liedchen von der Sykomore, die zur Zeugin einer jungen Liebe gemacht wird: »Der Freund sitzt dem Mädchen zur Rechten. Sie macht ihn trunken und tut alles, was er will. Ich aber bin verschwiegen und sage nicht, was ich sehe. Ich werde kein Wort verraten.« Der Baum, »beladen mit Früchten, die röter sind als Jaspis, und voller Blätter wie Malachit und grünes Glas«, freut sich an dem Glück des Paares und beginnt es anzureden, wie die Haselstaude im deutschen Volkslied, die das tanzlustige Mägdlein warnt. Die Menschen der ägyptischen »Neuzeit« wußten auch schon, was Liebeskrankheit ist: »Ich will mich in meinem Zimmer niederlegen. Meine Nachbarn werden hereinkommen, mich zu besuchen. Möge meine Geliebte doch mit ihnen kommen, sie würde die Ärzte beschämen, denn sie kennt meine Krankheit.« Um die Stärke seiner Leidenschaft zu veranschaulichen, fingiert der Geliebte Gefahren: »Meine Schwester ist auf der anderen Seite des Flusses, ein Riesenkrokodil liegt auf der Sandbank, ich stürze kopfüber ins Wasser, die Wellen sind wie Land für meine Füße, ihre Liebe gibt mir Kraft, ein stärkender Zauber.« Er wünscht der Wäscher zu sein, der die Salben aus ihrem Kleide wäscht, der Siegelring, der an ihrem Finger steckt, die Negersklavin, die »die Farbe ihrer Glieder schaut«; oder er sagt ganz einfach: »Küsse ich sie, so bin ich begeistert ohne Bier!« (Das Bier spielte aber trotzdem bei dem Rendezvous eine große Rolle, denn es wird sehr oft erwähnt.) Die Liebesergüsse gehen, anders als bei den 385 Minnesängern, an die sie bisweilen erinnern, durchaus nicht immer von den Männern aus, sondern ebensooft von den Frauen. »Süßtrank ist es, wenn ich deine Stimme höre«, sagt die »Schwester«, »und ich lebe, weil ich sie höre«; sie erzählt vom gemeinsamen Bad: »Ich lasse ihn meine Reize schauen in dem Hemd von Königsleinwand, das bekränzt ist mit Myrten, benetzt mit Öl. Wir steigen zusammen ins Wasser, du tauchst empor mit einem roten Fisch, er schmiegt sich sanft an meine Finger. Komm, sieh doch!«, und sehr schön ist die Klage: »Willst du denn fortgehen, weil du ans Essen denkst? Bist du denn ein Bauchmensch? Willst du denn fortgehen und dich ankleiden? Ich habe doch ein Laken. Willst du denn fortgehen, weil dich dürstet? Nimm meine Brust; was sie hat, fließt für dich.«

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