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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Geschichte der Geschichte

Von der Geschichte hat es zu allen Zeiten eine Art Wissenschaft gegeben; aber mit sehr verschiedenen Methoden. Denn nicht nur jede Wissenschaft, sondern auch jedes Teilgebiet einer Wissenschaft erfordert seine besondere Methode, man kann auch sagen: seinen eigenen Stil. So besteht zum Beispiel zwischen Geschichte der Neuzeit und Geschichte des Mittelalters ein Unterschied nicht bloß des Themas, sondern auch der angemessenen Darstellungsart: das Mittelalter kann man nämlich nur als Theolog behandeln. Zu jener Zeit waren alle Menschen Theologen, vom Bauern bis zum Papst, also muß es doch wohl auch ihr Historiker sein. Tritt man mit dem Aspekt eines Profanen an diese Epoche heran, so entsteht: nun, man hat gesehen, was seit der Aufklärung entstanden ist. Andrerseits aber hat auch jedes Zeitalter selber, ja vielleicht schon jedes Menschenalter seine eigentümlichen Stilprinzipien, sozusagen »Baugedanken« im Hinblick auf die Wissenschaft im allgemeinen und deren sämtliche Einzeldisziplinen. So haben auch über Zweck und Wesen der Geschichtsschreibung nacheinander die unterschiedlichsten Auffassungen geherrscht. Schon über den 42 Maßstab, nach dem man den Quellen »Autorität« zuzuschreiben habe, war man durchaus nicht immer derselben Ansicht. Im Mittelalter galten als absolut zuverlässiges Fundament alle Autoren, von denen man annahm, daß sie entweder direkt inspiriert seien oder doch auf inspirierten Berichten fußten, also in erster Linie alle Apostel, alle Kirchenväter, aber auch, mit gewissen Einschränkungen, sowohl die späteren Lehrer von Rang, die scriptores ecclesiastici, als auch die Hagiographen, die Verfasser der Heiligenlegenden. An ihre Stelle traten in der Renaissance alle antiken Autoren: Sie galten für sakrosankt; wahr, sagt der Humanist Manetti, sei alles, was zum Beispiel von Curtius, Justin, Livius, Sallust, Plinius und Sueton berichtet werde, was die Späteren erzählten, sei nur wahrscheinlich. Für die moderne Forschung spielt diese Rolle das sogenannte »diplomatische« Material: Gesandtschaftsberichte, Verwaltungspapiere, Verhandlungsprotokolle und ähnliche Urkunden, wie sie vornehmlich in den Archiven aufgestapelt sind. Es ist vielleicht nicht überflüssig, darauf hinzuweisen, daß dieser Gesichtspunkt um nichts weniger subjektiv und daher um nichts wissenschaftlicher ist als die früheren; denn es ist beim besten Willen nicht einzusehen, warum das Zirkular einer Regierung keine Lüge und die Relation eines Attachés keinen Unsinn enthalten soll. Vielmehr muß der Begriff der absolut zuverlässigen Quelle für alle Zeiten und Völker dahin definiert werden, daß sie dazu wird, nicht weil sie »wahr« ist, sondern weil die Zeiten und Völker ihr glauben. Im Mittelalter glaubte man an die Kirche, in der Renaissance an die Antike und im neunzehnten Jahrhundert an die Behörde.

Was die Form der Geschichtsschreibung anlangt, so kann man sagen, daß jedem Zeitalter ein anderer Typus als Ideal vorgeschwebt hat, und fast jedem einer, der sich mit dem Begriff des Historikers nicht deckt. Im Altertum ist es der Rhetor. Die langen eingelegten Reden waren, obgleich durchwegs erfunden, die 43 Glanzlichter und Kernstücke der Darstellung und entscheidenden Prüfsteine für das Talent des Geschichtsschreibers. Aber auch die übrigen Partien waren nach rhetorischen Gesichtspunkten geformt, nämlich für den lauten Vortrag, der in der Antike musikalischen Charakter hatte; sie waren eine Art von Partituren. Da man künstlerische Einheit forderte, so war alles verpönt, was von einer anderen Person und daher in einem anderen Stil verfaßt war. Deshalb wurden Reden, die so vorlagen, wie sie wirklich gehalten worden waren, sowie Briefe und überhaupt alle schriftlichen Belege stets umgearbeitet und der Ausdrucksweise des Autors angepaßt. Es ist dies eben das rhetorische Prinzip. Denn in einer Rede stört jeder fremde Ton.

Die mittelalterliche Geschichtsschreibung dient der Erbauung. Sie schildert die Taten Gottes durch Völker und Führer, die gesta Dei per Francos. Sie wäre vor dem Gedanken zurückgeschaudert, Selbstzweck zu sein. Zwischen einer Chronik und einer Predigt besteht kein Unterschied der Form. Beide sind ein Gefäß, in das frommer Sinn sein Gefühl ergießt. Darum vermeiden sie auch im allgemeinen das Individualisieren. Denn der homo religiosus denkt in Universalien. Diese Art, die Vergangenheit zu schauen, ist mit dem Mittelalter nicht verschwunden, sie hat in Bossuets gewaltigen Geschichtsdichtungen weitergeblüht und lebt noch in dem feurigen Schwung der zürnenden Kanzelreden Carlyles.

Die Historiker der Renaissance hingegen wollten spannen und erschüttern, Furcht und Mitleid erwecken. Ihr eingestandenes Vorbild waren die Tragödien Senecas. Neben die üblichen drei Dichtungsgattungen trat für sie als vierte die Historie. Waren die antiken Geschichtswerke Partituren, so waren die ihrigen gewissermaßen Libretti. Auch dieses Genre hat Nachtriebe hervorgebracht, zum Beispiel in den dramatisch bewegten Kompositionen Schillers, die ebenfalls von der großen Oper herkommen. Indes hat schon die Renaissance noch eine zweite 44 Form hervorgebracht, die am vollsten von Machiavelli verkörpert ist. Für ihn ist die Geschichte Lehrmeisterin der praktischen Politik, Magazin der Staatskunst, Demonstrationssaal für Regenten und Diplomaten. Diese Art Historiographie hat bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder Vertreter gefunden, ebenso wie die der Aufklärungszeit, die pikant und populär, haranguierend und polemisch, aktuell und tendenziös, kurz eine Art Zeitung ist: ihr glänzendster Vertreter war im achtzehnten Jahrhundert Voltaire, im neunzehnten Macaulay, aber auch die Weltgeschichte von Wells bewegt sich noch genau in derselben Richtung des eleganten Leitartikels eines liberalen Weltblatts. Aber es hat bekanntlich auch eine »romantische« Geschichtsschreibung gegeben, die sich an der Malerei orientierte: ihr Programmatiker war Chateaubriand, der die Parole von der »couleur locale« ausgab, und ihre Muster waren die pittoresken Sittenschilderungen Walter Scotts; und aus dem Impressionismus ist die »naturwissenschaftliche« Schule hervorgegangen, die im Historiker eine Art Eprouvettenchemiker und Fossilienanatomen erblickt: ihr faszinierendster Virtuose war Taine.

Wir sehen also, wie die Form der Geschichtsschreibung selber einem geschichtlichen Wandel unterworfen ist: Sie erinnert abwechselnd an eine Arie und ein Fresko, eine Exhorte und eine Parlamentsrede, ein Theaterstück und ein Laboratorium. Aber mit dem Inhalt verhält es sich nicht anders. Was ist das Objekt der Geschichte? Vielleicht erhalten wir hierüber bei jener höchsten Instanz Aufschluß, die schon in so vielen Fragen der Erkenntnistheorie klassische Entscheidungen gefällt hat, nämlich bei der Philosophie Kants.

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