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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 188
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Kirchenstaat von Theben

Die einundzwanzigste Dynastie (1090 bis 945) kann man die Taniten nennen, denn ihr Begründer war Smendes, der in Tanis, einer Stadt am östlichen Nilarm, Gaufürst war. Er herrschte aber nicht über ganz Ägypten, denn in Theben war unter dem Hohenpriester Hrihor ein selbständiger theokratischer Staat entstanden. Schon unter den Ramessiden war der Amonklerus zu überragender Macht gelangt. Er besaß ein Zehntel des kulturfähigen Bodens, eine eigene Handelsflotte, Tempelfilialen bis tief nach Syrien und Nubien hinein, und dabei waren nicht nur alle seine Güter, sondern auch alle Personen, die in seinen Diensten arbeiteten, bis herab zu den Fischern, Imkern, Weinbauern, von jeder Steuer befreit. Daß früher oder später die Hierarchie zum Kirchenstaat werden mußte, lag in der natürlichen Entwicklung der Dinge. Die Theologie, die die Priesterfürsten von Theben lehrten, war, darüber kann kein Zweifel bestehen, ein reiner und vollkommen vergeistigter Monotheismus. Amon ist der »Einzigeine« und zugleich »der, dessen Name verborgen ist«, »unerkennbar«, »nicht begreiflich«, und obwohl sein Walten sich in der wandernden Sonne offenbart, so ist er doch mit ihr so wenig identisch, daß von ihm gesagt wird, er sei »sich geheimmachend als Sonne«.

Die Taniten wurden durch eine Fremdherrschaft abgelöst. Ein Libyerfürst namens Schoschenk verlegte seine Residenz nach Bubastis, das ebenfalls im östlichen Delta lag, aber bedeutend südlicher als Tanis, und machte sich zum Pharao. Er hat den thebanischen Priesterstaat in seiner Organisation unangetastet gelassen, aber seinen Sohn zum Hohenpriester ernannt, was unter seinen Nachfolgern zur Regel wurde. So war die verlorene Reichseinheit notdürftig wiederhergestellt. Man pflegt die »Spätzeit« und das Ende des Neuen Reichs mit dem Beginn der Äthiopierherrschaft (fünfundzwanzigste Dynastie, 712 vor 381 Christus) anzusetzen; man kann denselben Einschnitt aber geradesogut bei den Libyern machen, ja eigentlich schon bei den Taniten, denn ein selbständiges Großreich hat schon damals nicht mehr bestanden. Und so gelangen wir dazu, ungefähr an derselben Stelle, 1100 vor Christus, einen Punkt zu machen wie vorhin bei der babylonischen Geschichte. Es ist in der Tat in der ganzen östlichen Mittelmeerwelt eine Wendeepoche: in Mesopotamien der Aufstieg Assurs, in Kleinasien der Untergang Hattis, in der ganzen Ägäis große Umwälzungen. All dies hängt natürlich mit der Völkerwanderung zusammen.

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