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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 187
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das Gästehaus

Von seinem Sohn und Nachfolger Merneptah weiß man, daß er um 1220 einen großen Krieg gegen die Libyer führte, die von Westen ins Delta eingebrochen waren; zum Hethiterreich unterhielt er weiterhin gute Beziehungen. Dann gelangte nach einer kurzen Zwischenzeit der Anarchie ein gewisser Sethnacht zur Herrschaft, mit dem die zwanzigste Dynastie beginnt. Sie regierte von 1200 bis 1090; ihr letzter König war Ramses der Zwölfte. Unter dem ersten der zehn Ramessiden, Merneptahs Sohn Ramses dem Dritten, erlebte Ägypten noch eine Blütezeit, für lange die letzte. Er siegte über die Libyer, die von neuem eingefallen waren, und die »Seevölker«, deren furchtbarem Anprall die kretisch-mykenische Welt und das Hethiterreich erlegen waren; die Schlacht, die den Kampf entschied, ist das erste Seetreffen, von dem wir nähere Kunde haben. Es war ein kombinierter Angriff zu Wasser und zu Lande: Bogenschützen, die vorzüglichste Waffe des damaligen ägyptischen Heeres, übrigens meist Söldner, waren am Ufer und auf den Schiffen postiert und dezimierten die feindliche Bemannung, ehe sie richtig in Aktion treten konnte; dann begannen 379 sie zu entern. Ramses der Dritte hat in Medinet Habu am linken Nilufer, gegenüber von Theben, einen imposanten Amontempel errichtet, ein genaues Abbild des Ramesseums, wie er überhaupt den großen Ramses in allem zu kopieren suchte. Als er alt und krank geworden war, versuchte eine seiner Nebenfrauen durch eine Palastrevolution ihren Sohn auf den Thron zu bringen. Zwei der höchsten Hofbeamten, der Oberkämmerer und der Oberkellermeister, waren in die Verschwörung verwickelt. Sie verschafften sich magische Wachsfiguren, um die Leibwache durch Zauber zu überwältigen und dann den König zu ermorden. Gleichzeitig sollte in der Stadt eine Volkserhebung inszeniert werden. Aber der Plan wurde verraten, und die Behörde gelangte in den Besitz einer langen Liste der Beteiligten. Ein Sondergericht wurde eingesetzt und den schuldig Befundenen Selbstmord anbefohlen. Dabei ereignete sich der Zwischenfall, daß zwei Richter und zwei Wachoffiziere mit einigen von den angeklagten Frauen ein Gelage veranstalteten. Sie wurden zum Abschneiden der Ohren verurteilt. Die Weisung des Königs an den Gerichtshof lautete: »Geht und untersucht, was die Leute geredet haben. Ihr werdet sie verhören und werdet sterben lassen, die ihr durch eigene Hand sterben lassen müßt, ohne daß ich davon weiß; und ihr werdet auch die Strafe an den anderen vollziehen lassen, ohne daß ich davon weiß. Alles, was sie getan haben, laßt auf ihre Häupter fallen; ich dagegen bin beschirmt und beschützt in Ewigkeit, denn ich bin unter den gerechten Königen, die bei Amon-Re und Osiris sind.« Was bedeuten diese dunklen Worte? Man hat lange über ihnen gegrübelt, bis der Ägyptologe Struve die Erklärung gefunden hat, und wenn man den wahren Sachverhalt erfährt, wird man sich einer leichten Gänsehaut kaum erwehren können: Der König ist wirklich ermordet worden, er ist bei Osiris, aber es wird die Fiktion aufrechterhalten, daß man weiter in seinem Namen judiziert; er gibt also seine Instruktionen aus 380 dem Grabe! Das ist der gruselige Sinn des Satzes: »Ihr werdet sie verurteilen, ohne daß ich davon weiß.«

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