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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 185
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Schlacht von Kadesch

Auf Haremhab folgte Ramses der Erste, der nur ein Jahr regierte, auf diesen sein Sohn Sethos der Erste (1314 bis 1292). Er zog gegen die Beduinen, zu denen damals auch die Hebräer gehörten, und machte den anarchischen Zuständen in Palästina ein Ende. Der nächste Pharao war Ramses der Zweite, der Große. Er wurde neunzig Jahre alt, regierte nicht viel weniger als siebzig Jahre, von 1292 bis 1225, und hatte, teils von seinen Gemahlinnen, teils aus seinem Harem, 111 Söhne und 59 Töchter, die er voll Vaterstolz in langen Reihen auf den Wänden seiner Tempel abbilden ließ. Schon während des ersten Jahrzehnts seiner Herrschaft kam es zu der längst fälligen Auseinandersetzung mit den Cheta, die sich damals in der Ära ihres »Neuen Reichs« und unter bedeutenden Fürsten in höchster Blüte befanden. Sie hatten bereits Mitani im Osten und große Teile Kleinasiens im Westen dem Hethiterreich einverleibt und waren der Ansicht, daß dessen Südgrenze in der Gegend des Sinai zu liegen hätte. Dies mußte unter einer energischen ägyptischen Regierung zum Krieg führen. Ramses setzte sich an die Spitze eines stattlichen Heeres und okkupierte zunächst ohne erhebliche Schwierigkeiten die phönizische Küste, um sich eine dauernde Wasserverbindung mit der Heimat zu sichern. Dann zog er bis hinauf zum Orontes, wo es im Jahr 1287 bei Kadesch zur Schlacht kam. Er hatte seine Armee in vier Divisionen geteilt und bezog mit der ersten, die sich weit im Vormarsch befand, ein befestigtes Lager, da er infolge irreführender Nachrichten, die er durch Überläufer empfangen hatte, den Feind noch weit entfernt glaubte. Dieser aber lag, in vorzüglicher Stellung an die Festung gelehnt, im nahen Hinterhalt, aus dem 373 er nun überraschend hervorbrach, die Ägypter in wilde Panik jagend. Obgleich schon beide Flügel überholt waren, gelang es dem König durch persönliche Tapferkeit, sich so lange zu halten, bis unerwarteter Entsatz eintraf; auch begann die undisziplinierte hethitische Infanterie sich dem Plündern zu überlassen. Hierdurch fand er die Zeit und die Kraft, mit gewendeter Front seitlich durchzubrechen und sich mit der Nachhut zu vereinigen. Wir haben hier das erste geschichtliche Beispiel eines im letzten Moment abgewendeten Umfassungsmanövers. Die Entscheidung brachte allem Anschein nach das vom König mit großer Verve geführte Duell der Wagenbrigaden. Die ägyptischen Hofhistoriographen haben die Schlacht von Kadesch später in einen großen Sieg umgedichtet, während sie bloß ein bravouröser Rückzug war; aber einen tiefen Eindruck muß es auf die Asiaten gleichwohl gemacht haben, daß der ägyptische Soldat sich ihnen in ihrer gefürchteten Spezialwaffe als mindestens ebenbürtig erwies. Und wenn das Epos, das die Schlacht erzählt, sich auch nicht streng an die Wahrheit hält, so schildert es doch recht anschaulich: wie der König seine Soldaten anfeuert, in der höchsten Not zu seinem Vater Amon um Hilfe fleht und dieser ihn im fernen Theben erhört, wie er nach dem Sieg beschließt, seinen tapfern Rossen zum Lohn alltäglich mit eigner Hand das Futter zu reichen und fortan ein Friedensfürst zu sein, denn »Sanftmut ist sehr schön, am Friedlichen ist nichts zu tadeln, niemand ehrt den Wütenden«. Ursprünglich kannte man das Lied nur aus der Abschrift eines Schülers namens Pentoere, der noch obendrein auf der Eselbank saß; aber da sein Name unter der Aufgabe stand, hat Georg Ebers, der berühmte Erfinder eines Ägypten für höhere Töchter, ihn für den Dichter gehalten und in einem seiner verzuckerten Libretti verewigt.

Auch die bildende Kunst hat das große Ereignis in lebhaften Darstellungen festgehalten: wir sehen, wie der König zeltet, zu 374 spät erfährt, daß die Überläufer ihn getäuscht haben, und seinen Offizieren wegen des mangelhaften Kundschafterdienstes heftige Vorwürfe macht; wie er, umzingelt, an einer schwachen Stelle durchstößt, wobei ihn ein Flankenangriff seiner zweiten Division unterstützt, und schließlich (hier beginnt die offizielle Version) die feindlichen Scharen in den Orontes und die Festung wirft. Das merkwürdigste aber ist ein Bildstreifen, der, ohne jede menschliche Staffage, die Verwüstungen des Krieges schildert: die leere Landschaft mit zertrümmertem Bauwerk, abgehauenen Bäumen, verbranntem Gesträuch. Das ist eine Technik, wie sie erst wieder der Film zur Anwendung gebracht hat: die stumme Natur als Akteur der Erzählung; in der Malerei und auch im Drama findet sie sich sonst fast nirgends: nur im Schluß der Rütliszene, wo, nachdem alle abgegangen sind, die Sonne blutrot emporsteigt und den Schwur gleichsam segnet, hat das Theatergenie Schillers einmal etwas Derartiges versucht (von den meisten Regisseuren als »nicht bühnenmäßig« gestrichen). Die abendländische Malerei könnte übrigens so etwas gar nicht machen, auch wenn sie wollte, da sie ja nicht zusammenhängend erzählt wie die ägyptische, sondern nur den »fruchtbaren Moment« bringt: ein solcher Ausschnitt gewinnt aber natürlich nur Sinn und Suggestionskraft als Kapitel einer epischen Darstellung.

Noch mindestens ein halbes Menschenalter dauerte der Kriegszustand, bis er, um 1270, mit einem Freundschaftsvertrag der beiden Regierungen endete, der uns einen interessanten Einblick in die schon damals sehr entwickelten diplomatischen Formen gewährt. Darin verpflichteten sie sich, einander nie anzugreifen, vielmehr im Falle eines Angriffs von dritter Seite zu Hilfe zu eilen; hingegen ist von einer gegenseitigen Unterstützung bei offensivem Vorgehen nicht die Rede: es war also nur ein Defensivbündnis. Politische Flüchtlinge sollten ausgeliefert werden, doch unter Zusicherung voller Amnestie. 375 Ferner wird Syrien in Interessensphären abgegrenzt: der Norden als hethitische, der Süden als ägyptische. Das Abkommen wurde unter den Schutz der Götter gestellt und durch die Vermählung des Pharao mit einer Tochter des Hethiterkönigs besiegelt, die zur »großen königlichen Gemahlin« erhoben wurde, der einzigen unter den Gattinnen, die die vollen königlichen Rechte genoß (auch bei Echnaton hat nur Nofretete diese Stellung innegehabt, und man hat daher auch vermutet, daß seine Schwiegersöhne, die ihm, wie gesagt, ähnlich sahen, Kinder von Nebenfrauen waren). Und so war denn geschehen, was, wie es in einer Inschrift heißt, »unerhört ist seit der Götterzeit und nicht berichtet in der geheimnisvollen Chronik im Bücherhause seit der Zeit des Re, daß Hatti und Ägypten eines Herzens sind«. Daß am Eingang des ägyptischen Protokolls bemerkt wird, der Hethiterkönig habe eine Gesandtschaft geschickt, »um Frieden zu erflehen von Seiner Majestät, dem Stiere unter den Fürsten, der seine Grenzen in allen Landen setzt, wie es ihm gefällt«, ist natürlich bloße Formel. Übrigens herrschte damals auch schon die Sitte, Kriege erst nach einem vorausgegangenen Notenwechsel zu beginnen, in dem die tatsächlichen oder vermeintlichen Rechtsbrüche, die den casus belli bedeuten konnten, ausführlich erörtert wurden; einige hethitische Urkunden haben die Form eines auch nach unseren Begriffen vollkommen korrekten Ultimatums.

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