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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 182
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Gegenreformation

Welche Schicksale seiner schönen Lebensgefährtin, ohne die er niemals von sich Erwähnung tat, nach seinem Tode widerfahren sind, ist nicht bekannt. Man weiß von einem Brief, in dem sie vom Hethiterkönig einen seiner Söhne zum Gatten erbittet; sie wolle ihn zum König von Ägypten machen. Dies zeigt, daß der klugen Königin die Realpolitik höher stand als die Pietät; und auf einmal scheint ihr Antlitz uns von der unsterblichen Büste nicht mehr so zart und vornehm zu grüßen wie bisher. Aber die Intrige mißlang, der Hethiterprinz wurde unterwegs erschlagen, auch der ewig kränkliche Sakere starb bald, und Tutenchamon, der Gatte der dritten Tochter Echnatons (die zweite war ebenfalls schon tot), wurde auf den Thron gesetzt. Sein ursprünglicher Name war Tutenchaton, »lebendiges Abbild des Aton«, aber unter dem Einfluß der Amonpriesterschaft änderte er ihn und übersiedelte von der Residenz seines Schwiegervaters nach Theben, wo die alten Kulte wiederhergestellt wurden. Achetaton mit seinen leichten Ziegeltempeln, um die sich niemand mehr kümmerte, wurde rasch zur Ruine, aber diese Verwahrlosung hat eine wohltätige Nebenwirkung gehabt: die Lehmdecke bildete das feste Leichentuch, unter dem die Urkunden und Kunstwerke der Amarnazeit so wunderbar erhalten geblieben sind. Auch die Königin wurde von Anchesenaton, »sie lebt von Aton«, in Anchesenamon umgetauft. Wie aus dem vorhin geschilderten Mosaik hervorgeht, huldigte der kleine König (er war nach unseren Begriffen noch ein Kind) anfangs dem Kult der Strahlenscheibe, später versuchte er die Verehrung mit dem Amondienst zu vereinigen; aber Kompromisse haben in der Religionsgeschichte fast niemals Erfolg gehabt, und so sehen wir ihn auf einem Denkstein versichern, er habe die »Sünde« aus den beiden Ländern (Ober- und Unterägypten) vertrieben, sie seien nun wieder wie in der Urzeit: »Als seine 368 Majestät gekrönt wurde, waren die Tempel der Götter und Göttinnen von Elephantine bis zum Delta in Verfall, ihre Heiligtümer waren Spaziergänge. Die Götter hatten unserem Lande den Rücken gewendet. Wenn man Soldaten nach Phönizien schickte, so erreichte man nichts.« Die Gegenreformation hatte gesiegt. Auch Tutenchamon starb sehr jung: die Familie war offenbar nicht mehr lebensfähig. Ihm folgte der bereits erwähnte Eje, der aber wieder schon sehr alt war. Im Hintergrund aller dieser Begebenheiten steht die geheimnisvolle Figur Haremhabs, der schon unter Echnaton als Kanzler seine sehr einflußreiche Rolle gespielt hatte. Er war der klarste Kopf und die stärkste Persönlichkeit in jener anarchischen Zeit, dabei treuer Royalist, denn nur ihm war es zu verdanken, daß der Dynastie der Thron erhalten blieb: eine Figur, die wir uns vielleicht in der Mitte zwischen Hagen und Bismarck zu denken haben.

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