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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 181
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Ausgang der Amarnazeit

Ganz versunken in seine religiösen und künstlerischen Reformen, hatte Echnaton die politische Verwaltung seines Reiches völlig vernachlässigt. Eine schwache Zentralregierung war für die syrischen Vasallen immer das Signal zum Abfall. Es scheint, daß unter dem femininen König die asiatischen Besitzungen ebenso verlorengegangen sind wie anderthalb Jahrhunderte früher unter dem weiblichen Szepter der Hatschepsut. Immer dringender wurden die Warnungen und Hilferufe der königstreuen Suzeräne; aber es geschah nichts oder nichts Zureichendes. Von allen Seiten zogen sich die Wolken zusammen: die Militärpartei grollte wegen der lässigen Außenpolitik, die noch immer im geheimen mächtige Amonpriesterschaft wegen ihrer Enteignung, das Volk wegen der Entthronung seiner 366 geliebten Götter, vor allem des Osiris, den ihm keine noch so fein empfundene Solartheologie zu ersetzen vermochte. Dazu kam noch der wirtschaftliche Niedergang infolge des Ausfalls der syrischen Tributzahlungen und die ungeklärte Frage der Erbfolge. Echnaton besaß nur sechs Töchter, und so mußte er sich entschließen, Sakere, den Gatten seiner ältesten Tochter Meritaton (»von Aton geliebt«), zum Mitregenten zu ernennen. Zugleich gab er, durch die steigende Opposition immer mehr in die Psychose der Verfolgungssucht gedrängt, den verhängnisvollen Befehl, die Namen aller anderen Gottheiten ebenso auszutilgen wie das Zeichen des Amon; selbst der Plural »Götter« sollte nirgends mehr geduldet werden. Bald darauf ist er, im dreiundvierzigsten Lebensjahre, ins Grab gesunken. In der Erinnerung seines Landes lebte er fortan nur noch als der ungenannte »Frevler von Achetaton«.

Trotz der furchtbaren Gegnerschaften, die rings um ihn emporgewachsen waren, spricht alles dafür, daß er eines natürlichen Todes gestorben ist. Alle seine Bilder zeigen einen Unterhöhlten, dem keine lange Lebensdauer bestimmt ist, alle seine Nachkommen dasselbe Leidenszeichen einer gebrochenen Vitalität. Wäre er einer Palastrevolution oder einer nationalen Erhebung zum Opfer gefallen, so hätte sein Schwiegersohn Sakere kaum unangefochten den Thron bestiegen, ebensowenig dessen Schwager und Nachfolger Tutenchamon. Und so dürfte es, obschon durch nichts bewiesen, am wahrscheinlichsten sein, daß sein großes Herz am gescheiterten Werk zerbrochen ist; seine letzten Porträts zeigen die Male der Verzweiflung. Aber wie dem auch sei: Dieser königliche Träumer ist in ein höheres Pantheon eingegangen als seine Vorgänger. Ihn umfließt, kostbarer als aller Grabprunk aller Pharaonen, das Gold einer geistigen Glorie. Möge sein teures Andenken, so lange verdunkelt, nun nie mehr verlöschen: ein Leuchtfeuer für alle, die eines hohen und reinen Strebens sind, und eine 367 Warnungsfackel für alle, die sich vermessen wollen, den Schritt der Vorsehung zu beschleunigen.

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