Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Egon Friedell >

Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 180
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
Schließen

Navigation:

Der Amarnastil

Die Amarnakunst hat vermöge ihrer Mischung aus Empfindsamkeit und Rationalismus etwas Rokokohaftes, in manchen Köpfen der Rundplastik aber etwas Spätgotisches; auch an die englischen Präraffaeliten hat man erinnert: Der Generalnenner aller Vergleiche wird immer eine interessante Dekadenz bleiben. Daß der Amarnastil nur eine kurze Episode war, läßt sich leicht erkennen. Ein Relief Amenophis' des Dritten, das zu seinen Lebzeiten gemacht wurde, zeigt noch einen schönen Kopf in der hergebrachten Auffassung ägyptischer Königsbilder. Unter Echnaton hat man ihn ganz anders gesehen: Von der Krankheit gebrochen, vorzeitig gealtert, mit eingezogenem Leib und kraftlos herabhängenden Armen liegt er in seinem Thronsessel, über ihm die Strahlenscheibe Atons, die ihn noch gar nichts anging und gleichsam rückwirkend auf ihn herabscheint. Unter Echnatons Nachfolger Tutenchamon wird zunächst der Amarnastil festgehalten, zum Beispiel auf dem entzückenden Kunstwerk, das die Rücklehne des königlichen Thronsessels schmückt, einem Mosaik aus Silber, Mattgold, roter Glaspaste, blauer Fayence und bunten Halbedelsteinen: 363 Tutenchamon sitzend, in der lässigen, etwas verkrümmten »Amarnahaltung«, die kleine Königin betupft seinen kostbaren Halskragen mit Parfüm, über beiden die segnenden Strahlenhände. Die spätere Tutenchamonkunst hingegen ist wieder ganz konventionell. Aber da bekanntlich keine neue Erkenntnis sich völlig rückgängig machen läßt, wenn sie einmal in die Welt getreten ist, so sind gewisse Amarnazüge der ägyptischen Kunst dauernd aufgeprägt geblieben, ohne daß sie sich dessen bewußt war. Und etwas wirklich Neues, eine große Revolution des Sehens ist die Kunst in der »Stadt des Horizontes« in der Tat gewesen. Nie vorher war in der ägyptischen Bildnerei der Mensch so frei und lebendig, beseelt und menschlich gestaltet worden. So sieht man zum Beispiel unter Echnaton zum erstenmal (wir berührten es schon), wie ein Mann eine Frau küßt. Bisher war die Zärtlichkeit unter Ehegatten lediglich dadurch ausgedrückt worden, daß sie die flachen Hände übereinanderlegten; jetzt wagt man es, sie mit verschränkten Fingern darzustellen: nach ägyptischen Begriffen eine tollkühne Neuerung. Zum erstenmal reden auch Gemütsbewegungen eine ganz individuelle Sprache, zum Beispiel auf dem »Leichenzug«, einem versenkten Relief aus Kalkstein: hier ist der Ausdruck der Trauer bei jedem der Beteiligten ein anderer, am schönsten bei den drei Freunden, die der Bahre folgen: zwei voll verhaltener sanfter Schwermut, einer wie hypnotisiert der Mumie nachstarrend und, die Finger an den Lippen, über dem Geheimnis des Todes grübelnd. Ja, man hielt sogar, ganz impressionistisch, die Bewegungen der Tiere in Momentaufnahmen fest: den jagenden Hund, das fliehende Wild, den springenden Stier, die flatternden Vögel. Ein junges Kalb hüpft im hellen Sonnenglanz durch ein Feld von rotem Mohn; Wildgänse erheben sich aus den Sümpfen ins Dickicht und verscheuchen buntfarbige Schmetterlinge; durch schwimmende Lotosblumen schlängeln sich glitzernde Fische; Rosse 364 galoppieren dahin und hängen mit allen vier Beinen geradezu in der Luft; auf einem Fächer Tutenchamons schwebt ein Hund völlig über der Erde, in einer Stellung, die Heinrich Schäfer als »Streckgalopp« bezeichnet hat. Ein konservativer Ägypter muß vor einem solchen Bilde buchstäblich seekrank geworden sein; es war kein geringerer Sprung als etwa von David zu Degas. Ohne Zweifel ist hier kretischer Einfluß am Werke.

Das Genie des Zeitalters war der Bildhauer Thutmosis, dessen Arbeitskammer, angefüllt mit Rundplastiken und Reliefs in allen Stufen der Vollendung, von der Deutschen Orientgesellschaft ausgegraben worden ist. Es war dies wahrscheinlich nicht bloß eine Werkstätte, sondern auch eine Art Kunstschule. Was für eine Potenz Thutmosis gewesen sein muß, geht schon daraus hervor, daß die herrliche Büste der Nofretete nicht etwa eines seiner Standardwerke war, sondern ein schlichtes Unterrichtsmodell zum Kopieren für Schüler und Handwerker. Und was für ein ungewöhnlicher Mensch und Mäzen Echnaton gewesen sein muß, zeigt sich daran, daß er einen Thutmosis an die erste Stelle berief: Im allgemeinen pflegen Könige nicht gerade den bedeutendsten und modernsten Künstler zum Hofbildhauer und Akademiedirektor zu ernennen. Solange Echnaton lebte, war Thutmosis offenbar unumschränkter Geschmacksdiktator. Der dekadente Typus wurde sofort Mode, bis zur Verzerrung; der Naturalismus wurde zum Gesetz und damit zum Schema, das mindestens ebenso leer und starr war wie das bisherige. Auf einmal sieht man jetzt überall hektische Gestalten, schlaffe Arme, eingefallene Gesichter. Da ist zum Beispiel der Wesir Ramose in seiner thebanischen Grabkammer auf der einen Seite der Wand, die noch aus der Zeit Amenophis' des Dritten stammt, ein wohlgenährter Ägypter mit breiten Schultern, kurzem Hals und Schädel und gesunder Körperhaltung; auf der anderen Hälfte ist das alles umgekehrt. Daß er inzwischen schmale Schultern, langen Hals und geknickte Beine 365 bekommen hat, wäre noch hinzunehmen; daß er aber auch den Spitzbauch Echnatons und den (krankhaft oder künstlich) deformierten Hinterkopf der Prinzessinnen aufweist, ist der Gipfel des Byzantinismus; feiner sieht er aber ohne Zweifel in der zweiten Fassung aus. In bescheidenerem Ausmaß hat übrigens der Hof überall in der Welt des Exterieur der Zeitgenossen beeinflußt: Als die Prinzessin Isabella von Spanien, die Tochter Philipps des Zweiten, gelobt hatte, ihr Hemd nicht eher zu wechseln, bis ihr Gemahl Ostende erobert hätte, kamen »isabellfarbige« Stoffe auf, die die mutmaßliche Couleur jenes Hemdes nachahmten; ein anderes hemdartiges Gewand, die weite, bauchige tunique des Empire, geht darauf zurück, daß Napoleon um jeden Preis Geburtenüberschüsse erzielen wollte und es daher zum guten Ton gehörte, schwanger zu sein; die Bartlosigkeit der Spätantike rührt daher, daß es durch Alexander den Großen Mode wurde, ein Jüngling zu sein, bis es unter den antoninischen Kaisern Mode wurde, ein Philosoph zu sein, und damit der Vollbart des Stoikers zu Ehren kam, der aber durch das Vorbild Konstantins, unter dem es Mode wurde, alles Heidnische zu verleugnen, neuerlich der Rasur weichen mußte.

 << Kapitel 179  Kapitel 181 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.