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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 179
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Dekadenz

Aber Echnaton setzte seine Reform mit unbeirrbarer Energie gegen die ganze Welt durch; denn in seinem schmächtigen 361 Körper lebte der Geist eines Fanatikers. Schon gewisse physiologische Eigentümlichkeiten weisen darauf hin, daß er zu der begnadeten und gefährlichen Menschenart der »Erleuchteten« gehörte. Er war Epileptiker wie Paulus, Mohammed, Dostojewski; er neigte zu Halluzinationen wie Savonarola, Loyola, Luther, Jeanne d'Arc. Daneben zeigt er die Züge eines rationalistischen Doktrinärs. Sein Sonnenhymnus hat bei aller Kraft und Hingabe etwas nüchtern Akademisches, äußerlich Deskriptives, indem er weniger anschaut als aufzählt: es ist die Naturbegeisterung aller späten Kunstdichtung, die etwas besingt, was sie nicht mehr ist; auch wird die Nützlichkeit des Gestirns über Gebühr betont, manchmal bis zur leichten Komik. Dies alles erinnert an die Barockdichtung und ihren kühlen Deismus: »Erkenntnis Gottes aus der vernünftigen Betrachtung der Natur«. Auch in der Gartenkultur herrscht ein Geist, der an Versailles gemahnt: alle Pflanzungen und Alleen sind streng geradlinig angelegt, die Teiche immer vollkommen rechteckig; man würde nach der ganzen Tendenz der Amarnakunst eher eine Art »englischen Garten« erwarten, in dem alles natürlich, bunt und wild wächst, aber so weit ging die Revolution eben doch nicht. Die vielen Lauben, Seen und Blumenbottiche auf den Gartenbildern und die zahllosen Pflanzenmotive auf Wänden und Möbeln zeigen ein bloßes Kokettieren mit der Natur, ohne ein wirkliches Verhältnis zu ihr. Und ebenso wirkt das ewige Familiespielen auf die Dauer ermüdend, ja fast taktlos, nämlich im ägyptischen Sinne: daß der »gute Gott« so vor aller Welt seine Dessous zeigte, verstieß sowohl gegen die Religion wie gegen die Sitte; solche Intimitäten aus seinem Leben hätte früher nicht einmal ein Hofbeamter abzubilden gewagt. Zudem wird der Naturalismus durch eine schonungslose und fast karikierende Offenherzigkeit in anatomischen Details nicht selten widerästhetisch und, indem er das Häßliche und Abnorme zum Kanon erhebt, auch unwahr, zumindest Manier; 362 auf manchen Bildern erscheint die königliche Familie als eine Kollektion von Mißgeburten: mit sonderbar entarteten Schädeln, eingesunkenen Brustkörben, welken Armen, abfallenden Schultern, grotesken Hängebäuchen über kümmerlichen Zündhölzchenbeinen. Daß dies grillenhafte Übertreibungen waren, zeigen andere Porträts, die den unverkennbaren Stempel der Ähnlichkeit tragen: Dort erscheint der König als eine Gestalt von knabenhafter und morbider Zartheit mit einem keineswegs schönen, aber adeligen und durchgeistigten Kainzkopf, die Töchter sind sehr zerbrechliche und reduzierte Geschöpfe, aber von einer bizarren, müden Anmut (ihre überlangen Hinterköpfe nach unserer, freilich ganz subjektiven Meinung vielleicht eine Modetorheit, die aus irgendeinem Grunde damals geherrscht hat).

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