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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 178
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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»Josefinismus«

Im Schrifttum äußerte sich der Naturalismus darin, daß das Neuägyptische zur Literatursprache erhoben wurde, bisher war das offizielle Idiom noch immer das »klassische« Ägyptisch des Mittleren Reiches gewesen. Es war dies eine ähnliche Umwälzung wie die Verdrängung des Lateinischen um die Wende 360 des Mittelalters. Die moderne Ausdrucksweise bemächtigte sich sogar der Liturgie, die doch überall am zähesten an alten Formen und Formeln festhält. Ein starker Antiklerikalismus scheint überhaupt von Anfang an in Echnaton gelebt zu haben, vermutlich genährt durch pfäffische Geistesenge und Herrschsucht, die am Hof seines schwachen und bigotten Vaters kaum geringer gewesen sein dürfte als unter dem Szepter der spanischen Habsburger. Es ist nicht urkundlich bezeugt, aber kaum zu bezweifeln, daß er das gesamte Kirchengut in ausgedehntem Maße säkularisiert hat. Hierin wie auch in der ungesunden Hast, mit der alles geschah, äußerte sich, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, ein gewisser Josefinismus. Und wie der gute Kaiser Josef war auch Echnaton im Grunde ein größerer Despot als alle seine Vorgänger; denn er wollte die Seelen zwingen, jene bloß die Körper. Auch darin waren die beiden Herrscher einander ähnlich, daß sie von der äußeren Geste des Königtums nicht viel hielten (Kaiser Josef trug mit Vorliebe das Wertherkostüm und die einfache Felduniform) und daß alle ihre idealen Bestrebungen das Reich schließlich beinahe zur Auflösung gebracht haben. Und wie Josef der Zweite infolge seiner Gewaltsamkeiten zu seinen Lebzeiten nichts weniger als allgemein beliebt war (obgleich die Lesebuchlegende das Gegenteil behauptet), so verhielt es sich auch mit Echnaton. Nur dadurch, daß er sich auf eine Leibgarde von ausländischen Söldnern stützte, vermochte er seine Herrschaft aufrechtzuerhalten. In dem Felsengrab eines Polizeiobersten ist dargestellt, wie dieser drei verdächtige Personen: einen kahlköpfigen Ägypter, also allem Anschein nach einen Priester, und zwei spitzbärtige Asiaten, vermutlich seine Bravos, dem Wesir vorführt; beide Beamten sind in höchster Erregung: Es handelt sich offenbar um ein vereiteltes Attentat. Solche Zwischenfälle werden sich öfters ereignet haben.

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