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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 175
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Orthodoxie des Ketzers

Indem Echnaton nach allen Seiten gegen gehässige Resistenz zu kämpfen hatte und zugleich sein eigenes System nach allen Richtungen ausbaute, wurde er immer mehr in eine zelotische Unduldsamkeit hineingedrängt, die schließlich von Monomanie kaum mehr zu unterscheiden war. Aller Dienst anderer Götter sollte verschwinden. Amons Namenszug wurde ausgetilgt, wo man ihn fand: an Wänden und Bildsäulen, in Schulbüchern und Zaubertexten, auf den Felsen in Nubien und den Klippen im Nil, auf den Särgen der Totenkammern und den Amuletten der Lebedamen. Die Säuberung war so gründlich, daß ein unversehrter »Amon« aus der Zeit vor Echnaton zu den größten Seltenheiten gehört. Sogar den Namen seines Vaters ließ der König überall ausmeißeln, weil darin Amon vorkam, und wenn er in Inschriften von seiner Mutter Teje sprach, so mußte das Wort mwt, »Mutter«, in Buchstaben ausgeschrieben werden, weil die Hieroglyphe für Mutter, der Geier XXX, zugleich das Zeichen für die Göttin Mut, die Gemahlin Amons, war. Anfangs hatte er sich »Herr der beiden Horizonte« genannt; aber auch dies wurde bald anstößig: zunächst wurde die Hieroglyphe für »Herr«, der Falke XXX, da sie auch den Gott Horos bezeichnete, durch die Buchstaben hr ersetzt, und schließlich wurde auch dieses Wort verpönt und an dessen Stelle die Hieroglyphe für »Herrscher«, der Krummstab XXX, gesetzt. Selbst von Osiris, dem ägyptischsten aller Götter, hört man nichts mehr; auch das Leben nach dem Tode steht unter dem Walten Atons: ein einfaches Gebet an ihn genügt für die ewige Seligkeit. An den Beerdigungssitten: der Mumifizierung, den reichen Grabbeigaben, der Verschüttung der Leichenkammer, ist aber nichts geändert worden.

Am schönsten kommt der Glaube Echnatons in dem berühmten Sonnenhymnus zum Ausdruck, den er selbst gedichtet hat: »Herrlich ist Dein Strahlen am Horizonte, lebendige Sonne, Ursprung des Lebens! Wenn Du aufsteigst im Osten, 356 füllst Du die ganze Welt mit Deinem Glanze; wenn Du Dich zur Ruhe neigst im Westen, sinkt die Erde in Dunkel wie der Tote, der in seinem Grabe liegt. Die Menschen schlafen in ihren Kammern, die Häupter verhüllt. Ihre Habe wird gestohlen, jeder Löwe kommt aus seiner Höhle, alle Schlangen stechen. Aber wenn Du aufgehst am Himmelsrand, erwacht alles voll Anbetung und ein jeder tut seine Arbeit. Die Vögel flattern über den Sümpfen und ihre Flügel erheben sich im Gebet zu Dir, die Schiffe fahren den Nil auf und nieder, Dein Licht lockt die Fische. Das Küchlein in der Schale, es lebt von Deinem Atem, bald ist es fertig, zerbricht die Schale und kommt heraus aus dem Ei, um zu piepen, soviel es kann; es läuft herum auf seinen Füßen, wenn es aus dem Ei herauskommt. Du bist im sprießenden Mohn, in dem sanften Wind, der die Segel füllt, Du läßt die Lämmer tanzen. Du schufst die Erde nach Deinem Begehren: die Länder Syrien und Nubien und das Land Ägypten.« Dieser Passus ist besonders beachtenswert, denn hier werden die Fremdländer nicht nur als ebenbürtige Werke der Güte Atons gewertet, sondern sogar aus Courtoisie dem Nilland vorangestellt, und noch an einer zweiten Stelle heißt es: »Der Nil am Himmel (gemeint ist der Regen) ist für die Fremdländer, unser Nil aber quillt aus der Unterwelt hervor für Ägypten.« Das ist eine völlig andere Gesinnung als die den früheren Ägyptern geläufige, die von Nubien immer als dem »elenden Kusch« redeten, auch die Asiaten für minderwertig hielten und sich selbst schlechtweg romet, die Menschen, nannten. Daß aber auch Echnaton von Dünkel nicht gänzlich frei war, zeigt der Schluß seines Sonnenliedes: »Kein anderer ist, der Dich kennt, außer Deinem Sohne Echnaton. Die Erde, die Du gründetest, hast Du aufgerichtet für Deinen Sohn, den König, der von der Wahrheit lebt.« Dieses »der von der Wahrheit lebt«, das als Selbstbezeichnung bei offiziellen Anlässen sehr oft wiederkehrt, hat man, im Hinblick auf den Naturalismus 357 der gesamten Amarnabewegung, als ein spezielles Bekenntnis zur Wahrheitsliebe aufgefaßt; der Sinn ist aber offenbar: »der die wahre Lehre besitzt«. So hat also Echnaton sogleich wieder eine neue Orthodoxie aufgerichtet. Dies ist übrigens eine Eigenschaft fast aller »Ketzer«: niemand war so starrgläubig wie die Marcioniten, die Albigenser, die Wiedertäufer, die Puritaner, die Monisten. Man kann aber Echnaton keineswegs unter die Religionsstifter zählen, wie es vielfach geschehen ist. Er war dies ebensowenig wie etwa Empedokles oder der Kaiser Julian. Er war ein feinnerviger Grübler, ein warmherziger Poet, ein geistreiches Original; aber sein Atonglaube hätte auch keinen Bestand gehabt, wenn er Ägypten wirklich erobert und nicht bloß auf den Lippen der Höflinge, sondern im Herzen des Volkes gelebt hätte, denn er war eben gar keine Religion, sondern eine Weltauslegung, eine gefühlvolle Naturphilosophie; wenn man will, der erste Versuch einer Metaphysik. Ja, selbst die Behauptung, Echnaton sei ein früher Verkünder des reinen Monotheismus gewesen, ist wahrscheinlich ein Mißverständnis, denn Aton sieht einer vergeistigten Naturkraft viel ähnlicher als einer Gottheit: Er ist allmächtig und wohltätig, besitzt aber keinerlei sittliche Eigenschaften, und er ist zwar der Eine und Einzige, aber zugleich das ganze All und jedes Geschöpf ein Teil seines Lebens: Man könnte daher viel eher von Pantheismus reden, auf den ja mehr oder weniger jede naturalistische Weltansicht hinausläuft. Etwas Abschließendes läßt sich nicht sagen, dazu sind die Quellen nicht vollständig genug; aber auch wenn sie es wären, würden sie uns nicht viel klüger machen, denn um die Atonlehre wirklich zu verstehen, müßten wir imstande sein, ägyptisch zu denken.

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