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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 170
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Hatschepsut

Hatschepsut ist das erste weibliche Wesen, das der Weltgeschichte angehört. Um in Vorderasien oder im älteren Ägypten hervorzutreten, mußte eine Frau schon eine Göttin sein wie Ischtar oder Isis. Die Gefühle der Ägypter für angestammtes Königtum müssen sehr stark entwickelt gewesen sein, wenn sie es nicht nur zuließen, sondern sogar erzwangen, daß ein Weib den Thron der Pharaonen bestieg, was eigentlich eine staatsrechtliche und religiöse Unmöglichkeit war. Hatschepsut empfand das selber sehr wohl: auf einem großen Tempelrelief, das ihre Geburt schildert, ist das Kind ein Knabe; bei offiziellen Anlässen trug sie stets das Kopftuch, den Schurz und den Umhängebart des männlichen Ornats. Nur eine scheinbare Abänderung war es, wenn sie sich »weiblicher Horus«, »Königin von Ober- und Unterägypten« und »Tochter des Sonnengottes« nannte, denn das alles waren männliche Attribute: es klingt allerdings inkonsequent, aber dergleichen hat dem Ägypter nie Kopfzerbrechen bereitet. Im übrigen aber war sie bei aller ihrer hohen Intelligenz und Willensstärke durchaus kein Mannweib, vielmehr von echt weiblicher Gefallsucht (»sie war«, läßt sie in den Inschriften von sich rühmen, »eine schöne Jungfrau, frischer als alle Kräuter der Welt«, »ihre Gestalt war wie die einer 342 Gottheit, ihre Augen, kurz alles an ihr war wie bei einer Gottheit«), auch war sie allem Anschein nach amourösen Abenteuern nicht abgeneigt. Ein Hauptereignis ihrer Regierung war die große Expedition nach dem Lande Punt, von dem schon kurz die Rede war. Es war eine Seeunternehmung, im Nilland eine Seltenheit; doch konnten die Schiffe sich im Roten Meer eng an der Westküste halten. Das Äußere der Puntleute ist durch ägyptische Malereien sehr sprechend überliefert: sie waren Menschen mit rotbrauner Haut, langem straffem Haar und spitzem Bart; an den Frauen fällt eine fast pathologische Körperfülle auf: bei der Gattin des Häuptlings sind Arme, Schenkel und Gesäß unförmig dick, die Tochter ist nicht ganz so fleischig, aber auf dem besten Wege dazu. Vielleicht war dies das Schönheitsideal in Punt; vielleicht auch haben die Ägypter, die für Fettleibigkeit wenig Verständnis hatten, ein wenig karikiert. Die damaligen Bewohner der Somaliküste waren offenbar von den heutigen nur wenig verschieden: Hamiten mit leicht negroidem Einschlag. Sie wohnten inmitten herrlicher Laubwälder in »Bienenkörben«, einer Hausform, die sich auch sonst in Afrika vielfach findet, und auf hohen Pfahlrosten, die mit Leitern erstiegen wurden; dies vermutlich zum Schutz gegen die weißen Ameisen, den Schrecken jener Gebiete. Diese Tiere, vielleicht die merkwürdigsten Insekten unseres Planeten, sind nicht nur ungewöhnlich gut bewaffnet, sondern auch vorzüglich organisiert: Unter der Leitung von Offizieren machen ihre Massenheere, die oft nach Millionen zählen, richtige Sturmangriffe, vor denen nur die Flucht rettet, denn nicht bloß von Vögeln und kleineren Säugetieren, sondern auch, wie versichert wird, von Leoparden und Kühen und überhaupt von allem Lebenden bleiben nach einer solchen Generalattacke nur die Knochen übrig; dabei sind sie so kriegerisch, daß ihre scharfen Kiefer, selbst wenn sie vom Körper abgetrennt sind, die Beute nicht loslassen: die Eingeborenen verwenden sie daher als Wundklammern.

343 Ein reger Tauschhandel mit Punt wurde eröffnet oder vielmehr erneuert, denn er hatte schon in früheren Zeiten bestanden, wenn auch mit Unterbrechungen. Viele kostbare und exotische Dinge wurden nach Theben gebracht: Zimtholz und Myrrhenharz, Gold und Silber, Ebenholz und Elfenbein, Panther und Paviane. Das freudigste Erstaunen erregten eine Anzahl großer Kübel mit Weihrauchbäumen, den Spendern jenes köstlichen, von den Ägyptern so sehr begehrten Parfüms, die die kluge Königin nun im eigenen Lande zu ziehen hoffte; es scheint ihr allerdings nicht gelungen zu sein. Sogar ein neuer Gott wurde aus Punt importiert, der federgekrönte krummbeinige Zwerg Bes: Er schmückte fortan, als Abwender des bösen Blicks, die Amulette ängstlicher Personen und, als Helfer in Liebeskalamitäten oder auch bloß als drollige Nippfigur, die Boudoirs der ägyptischen Damen; auf Bildern erscheint er fast immer en face, wodurch allein schon er als Ausländer charakterisiert ist: denn bei einem richtigen ägyptischen Gott wäre dies höchst shocking gewesen. Er lebt noch heute in Südägypten als Gespenst.

Nachdem die Puntfahrt, von der es im üblichen ägyptischen Reklamestil heißt: »niemals, seit Könige leben, sind ihnen ähnliche Dinge gebracht worden«, glücklich zu Ende geführt war, widmete sich Hatschepsut der Ausschmückung Thebens. Ihre glänzendste Schöpfung ist der Terrassentempel von Der el bahri. Er ist direkt aus einer riesigen Felswand herausgehauen und wirkt dadurch wie ein Stück Naturtheater: dieser großartige Einfall stammte von ihrem Kanzler und Oberarchitekten Senmut, der an ihrem Hofe und in ihrem Herzen eine Art Leicesterrolle gespielt zu haben scheint. Die herrlichen Reliefs, mit denen die Wände, Pfeiler und Decken aufs verschwenderischste bestickt waren, sind in ihren Schicksalen ein Stück ägyptischer Geschichte im Extrakt. Als Thutmosis der Zweite Hatschepsut verdrängt hatte, ließ er, wie gesagt, überall ihren 344 Namen ausmeißeln und ihr Porträt zerstören. Als die Königin neuerlich ans Ruder kam, stellte sie alles wieder her. Nachdem sie, vermutlich 1480, nach einundzwanzigjähriger Regierung gestorben war, wütete ihr Gatte, der nun endlich Alleinherrscher geworden war, auf dieselbe Weise gegen ihr Andenken wie sein Bruder; auch von Senmut suchte er jede Erinnerung zu tilgen. Ein Jahrhundert später ließ Amenophis der Vierte, der beschlossen hatte, den Kult Amons auszurotten, auch Namen und Bild des Gottes ausstemmen, wo es nur möglich war. Unter seinen Nachfolgern wurde dies von der restaurierten Amonpriesterschaft, so gut es ging, wieder rückgängig gemacht. Auch die Ptolemäer versuchten, aber aus einem nur noch antiquarischen Interesse, allerlei Ausbesserungen. In den ersten christlichen Jahrhunderten gründeten Mönche in dem Tempel eine Niederlassung, die die Eingeborenen Der el bahri, »Nordkloster«, nannten, woher er noch heute seinen Namen trägt; die heidnischen Götzenbilder verstümmelten sie. Die Araber brachten dem fremden Gotteshause weder Haß noch Teilnahme entgegen und ließen es völlig verfallen. Und die modernen Ausgrabungsgesellschaften waren bemüht, alle Überbleibsel und alle Entstellungen als gleichwertige Objekte des historischen Interesses mit unparteiischer Sorgfalt zu konservieren. Aber im Grunde beweist dies das Gegenteil von Interesse: wenn alles gleich wichtig ist, ist gar nichts mehr wichtig. Hatschepsut und Amon sind für uns nur noch Namen, ob ausgekratzt oder nicht; Isis ist für uns keine lebendige Teufelin mehr wie für den frommen Zorn der ersten Christen. Die wahre Tragödie der Weltgeschichte besteht nicht darin, daß Throne stürzen, Kunstwerke zerfallen, sondern daß Gefühle verlöschen.

345 Wir rekapitulieren:

1557–1531 Amenophis I.
1531–1501 Thutmosis I.
1501–1480 {
{
{
{
{
Thutmosis III. und Hatschepsut
Thutmosis II. und Thutmosis I.
Thutmosis II. und Thutmosis III.
(Thutmosis III. und) Hatschepsut, die ihre
Regierungszeit von 1501 rechnet
1480–1448 Thutmosis III.
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