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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 165
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Gilgamesch

In der Dichtung fanden die Babylonier, wie die Ägypter und auch viele Heutige, Geschmack an absichtlich dunkeln Wendungen, doppelbodigen Ausdrücken, blumigen Umschreibungen, so daß die Kommentatoren viel zu tun hatten; die dann aber auch oft unverständlich waren. Durch diesen Symbolismus, so roh und kindisch er zumeist war, sind sie schon im Altertum in den Geruch des Tiefsinns gekommen. Ihr bekanntestes und wohl auch bedeutendstes Epos ist der »Gilgamesch«; erhalten sind Fragmente aus der Bibliothek Assurbanipals und von einem altbabylonischen Text aus der Zeit um 2000. Das Grundthema der Dichtung ist die Frage: wie kann der Mensch das ewige Leben erlangen? Gilgamesch, der Herr von Uruk, ist »zwei Drittel Gott und ein Drittel Mensch«, aber wegen dieses einen Drittels muß er sterben. Er versucht nun alles mögliche, um dem Tode zu entgehen. Ein Mittel, Unsterblichkeit zu erlangen, wäre, sieben Nächte lang nicht zu schlafen; aber Gilgamesch bringt es nicht fertig. Dann zeigt ihm sein Stammvater Utnapischti (derselbe, der ihm auch die Geschichte von der Sintflut erzählt) den Weg zu dem Kräutlein »Als Greis sollst du wieder jung werden«, das ewiges Leben verleiht. Gilgamesch holt es vom Meeresgrunde, aber auf dem Heimweg trifft er eine alte Schlange, die es ihm wegfrißt. Sofort schuppt sie sich und ist wieder jung; aber Gilgamesch, der schon davon geträumt hatte, alle seine Mitbürger unsterblich zu machen, muß mit leeren Händen nach Uruk zurückkehren. Nun will er wenigstens wissen, was nach dem Tode geschieht, und beschwört seinen verstorbenen Freund Engidu, der ihm aber, »als Rauch aus der Erde steigend«, wenig tröstliche Auskünfte gibt: Der Leib zerfällt zu Staub, die Seele irrt als Totendämon umher. Das Ganze ist vielleicht ein Astralmythus, der die Wanderung der Sonne durch den Tierkreis symbolisiert. Hübsche Episoden wie der 333 ritterliche Kampf zwischen Gilgamesch und Engidu, die anfangs Feinde waren, und die vergebliche Werbung der stets verliebten Ischtar um Gilgamesch sind eingestreut. Manches ist tief und fein empfunden: zum Beispiel, daß die Tiere des Waldes, mit denen Engidu in brüderlicher Eintracht lebte, ihn fliehen, nachdem er mit einer Dirne sieben Nächte geschlafen hat. Ehrlich begeistern können sich für das Epos wohl nur Professoren der orientalischen Philologie. Verblüffend albern ist der Versuch des Assyrologen Peter Jensen und seiner Anhänger, die Lebensgeschichte Christi und außerdem noch Mosis, Pauli, Johannes des Täufers und Buddhas als Dublette des Gilgameschmythus zu enthüllen. Die Parallelen, die, zwei Bände füllend, von Jensen zu diesem Zweck konstruiert werden, sind großenteils geradezu parodistisch. Man sieht hier wieder einmal an einem krassen und schlagenden Beispiel, daß große Gelehrsamkeit, wenn sie von keinem gesunden Instinkt regiert wird, ins Nichts führt.

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