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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 164
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Kunst

Die künstlerischen Leistungen der Babylonier stehen nicht auf der Höhe ihrer wissenschaftlichen. Ihre Baukunst ist großartig, aber nicht groß. Zur Zeit Nebukadnezars des Zweiten (605 bis 562) bestand die Befestigung Babylons aus einem Ring von zwei Mauern, die, jede sieben bis acht Meter dick, etwa zwölf Meter voneinander abstanden; davor befand sich noch der Graben. Auf der hinteren Mauer saßen, in Abständen von zirka fünfzig Meter, mehrstöckige Türme. Zwischen den beiden Mauern war Erde aufgeschüttet, so daß ein breiter 330 »Umgang« entstand, auf dem zwei Viergespanne bequem nebeneinander fahren und im Belagerungsfalle ganze Abteilungen manövrieren konnten. Der Gesamtumfang der Mauer betrug rund achtzehn Kilometer. Man hat berechnet, daß das damalige Babylon alle ummauerten Städte, von denen wir aus alter und neuer Zeit wissen, an Größe übertraf. Nebukadnezar baute auch eine kolossale Brücke über den Euphrat und schmückte die Prozessionsstraße und das Ischtartor mit den allbekannten prachtvollen Ziegelreliefs, die, aus Formen gedrückt, in tapetenhafter Wiederholung die repräsentativsten Tiere Babylons zur Schau stellten: Löwen mit weißem Fell und bräunlicher Mähne oder bräunlichem Fell und roter Mähne, kaffeegelbe Stiere mit roten Hörnern und Hufen (die heute infolge der Verwitterung grün erscheinen) und »Sirrusche«: so hieß das heilige Tier Marduks, das eine Art Drache, jedenfalls ein Reptil war und vielleicht noch aus der Erinnerung an einst wirklich gesehene Saurier herstammte. Die ganze Abwechslung besteht darin, daß die Löwen den Schweif heben oder senken, rechts oder links ausschreiten, auf hellblauem oder dunkelblauem Grund stehen. Aber die riesigen Kacheln mit ihren leuchtenden, geschmackvoll kontrastierten Farben müssen doch eine sehr eindrucksvolle Fassade gebildet haben.

Der Turm von Babel hat die staunende Bewunderung verdient, die die alten Völker ihm entgegenbrachten. Über einem kolossalen Unterbau, der mehr als neunzig Meter im Geviert maß, erhoben sich, in mäßiger Verjüngung, sechs weitere Geschosse, so daß das ganze Massiv vermutlich fast würfelförmig gewirkt hat. Solche Türme, die zikkurati hießen, was soviel bedeutet wie »Himmelshügel« oder »Gottesberg«, befanden sich auch in anderen Städten, zum Beispiel in Ur; der von Babel war aber der größte. Ringsum liefen Terrassen, die reich mit Bäumen bepflanzt waren: »hängende Gärten«, die die Vorstellung von einem Berge, der dem Gott errichtet worden sei, 331 verstärkten. Die sieben Stockwerke hatten die Farben der Gestirne, und zwar: schwarz (Saturn), erdbraun (Jupiter), rot (Mars), gelb oder gold (Sonne), weiß (Venus), blau (Merkur), grün oder silber (Mond). Rund um die Zikkurat dehnte sich ein Wald von Tempeln, Priesterpalästen, Vorratshäusern, Pilgerherbergen, und auf ihrer Spitze befand sich eine Sternwarte. Am Turm von Babel läßt sich die Verschiedenartigkeit des religiösen Empfindens der drei bedeutendsten orientalischen Völker ablesen. Dem Israeliten erschien er als ein Greuel vor Gott, ein Denkmal frevelhafter Überhebung des Erdenwurms; der Ägypter baute ebensohoch und noch höher, aber mit anderer Sinngebung: seine Pyramide ist ein Grabdeckel; die Zikkurat hingegen reckt sich, »die Hand Marduks ergreifend«, dramatisch zum Himmelsgewölbe, als ob sie ihm sein Geheimnis entreißen wollte. Noch heute verkündet an der Stelle von Samarra am Tigris, das unter den Abbasiden ein halbes Jahrhundert lang die Hauptstadt des Kalifenreichs war, ein fünfzig Meter hoher mohammedanischer Gebetsturm, der in fünf schraubenzieherförmigen Windungen zum Firmament steigt, daß im Zweistromland das Weltgefühl noch nach Jahrtausenden dasselbe war.

Das formvollendetste Erzeugnis des mesopotamischen Kunsthandwerks ist der Siegelzylinder aus Halbedelstein, den jeder Babylonier von Reputation um den Hals trug. Er wurde in derselben Art gehandhabt wie unsere Löschrollen; die vertieft eingeschnittenen Figuren, die oft von köstlicher Lebendigkeit und Laune sind, erschienen auf dem weichen Ton in Relief. Hier haben die Babylonier ihre Gedanken und Empfindungen am originellsten und frischesten ausgesprochen: das Zylinderbild ist, wie Ludwig Curtius geistvoll bemerkt, »gleichsam ihr Sonett«. Vorzügliches müssen sie auch in der Luxusweberei geleistet haben. Noch zur römischen Kaiserzeit waren »babylonische Sofaüberwürfe« ein hochbezahlter Artikel; assyrische 332 Steinfußböden, die Teppichbelag nachahmen, zeigen eine große Ähnlichkeit mit schönen modernen Perserteppichen.

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