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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 163
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Lexika

Die Sechzigerrechnung ist komplizierter als unser Zehnereinmaleins, aber dafür auch brauchbarer, denn 12 läßt sich (die 328 Eins nicht gerechnet) durch doppelt soviel Zahlen teilen wie 10, und die 60 zehnmal, die 100 bloß siebenmal. Die Babylonier müssen ganz vorzügliche Arithmetiker gewesen sein, denn sie konnten mit diesem schwierigen System nicht bloß gewandt addieren und subtrahieren, multiplizieren und dividieren, sondern auch potenzieren und wurzelziehen. Berechnungen von Flächeninhalten und Fassungsräumen, planimetrische Konstruktionsaufgaben, genaue Hausgrundrisse, Stadtpläne, Landkarten machten ihnen keine Schwierigkeiten. In Ur haben sich auch Schultafeln mit Aufgaben gefunden: Auf die Vorderseite hatte der Lehrer in Schönschrift einen Übungssatz geschrieben, der vom Schüler auf der Rückseite, weniger kalligraphisch und orthographisch, wiederholt war; auf einer Tontafel, die ein Vokabular enthielt, stand »Eigentum der Knabenklasse«. Der Unterricht bestand hauptsächlich in solchen Abschreibearten und, auf der Oberstufe, in Übersetzungen aus dem Sumerischen ins Akkadische, wobei der Schüler öfters genötigt war, ein »ich weiß nicht« hinzusetzen. In einem »Gespräch des Lehrer mit dem Schüler« heißt es: »Komm, mein Sohn, setz dich zu meinen Füßen, ich will mit dir sprechen. Bis zu deiner Mannbarkeit wirst du in der Schule bleiben, denn die Tafelschreibekunst verstehst du noch nicht. Was hingegen gibt es, das ich nicht weiß? Und was weißt du? Fragst du mich, so werde ich sprechen; antwortest du mir nicht, so werde ich sagen: warum antwortest du nicht?« Auf den höheren Schulen wurden auch Leberschau und Himmelskunde, Arithmetik und Geometrie vorgetragen, außerdem gab es Spezialschulen für angehende Priester, Richter und Ärzte und Konversatorien, wo Musik und Tanz gelehrt wurden. Die Lexika waren nicht alphabetisch, sondern nach Sachgruppen geordnet, eine für den Unterricht sehr nützliche Form, die auch heute noch von manchen Pädagogen befürwortet und zum Beispiel bei der Methode Toussaint-Langenscheidt verwendet wird und im 329 Mittelalter und zur Reformationszeit noch allgemein verbreitet war. Sie sind meist zweisprachig, für fremde Völker natürlich dreisprachig; auch die Ägypter benützten keilschriftliche Wörterbücher, um das Mesopotamische zu erlernen. Die zoologischen, botanischen und mineralogischen Listen zeigen, daß die Babylonier respektable Kenntnisse auf diesem Gebiete besaßen und sie auch gut zu ordnen wußten; zum Beispiel die Klassifikation der Tiere in Gliederfüßler, Fische, Schlangen, Vögel und Vierfüßler ist sehr verständig, wobei allerdings die Muscheln unter den Fischen, die Schildkröten unter den Gliedertieren untergebracht werden müssen. Eine besonders reiche Bibliothek besaß Assurbanipal in Ninive, von der nicht weniger als dreißigtausend Fragmente ins British Museum gelangt sind. Daß es aber vor ihm (er regierte um die Mitte des siebenten Jahrhunderts) noch keine Büchersammlungen gegeben haben soll, ist ebenso unglaubwürdig wie die Behauptung, daß »unter den Königen, seinen Vätern, niemand die Tafelschreibekunst beherrschte«. Die Anordnung der Bibliothek war musterhaft: jede Tafel enthielt, außer dem Stempel »Eigentum Assurbanipals, Königs von Assyrien«, Stichwort, Nummer, häufig auch Angabe der Zeilenzahl und des Abschreibers und war katalogisiert. Der Inhalt war sehr bunt: astronomische und medizinische, philologische und philosophische Schriften standen neben Dichtungen, Zaubertexten, Traumbüchern, Kochrezepten.

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