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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 162
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Zahlen

Auch die Namen unserer Wochentage gehen auf die babylonische Astrologie zurück: der Sonntag ist der Tag der Sonne, der Montag der Tag des Mondes, der mardi der Tag des Mars, der mercredi der Tag des Merkur, der giovedi und jeudi der dies Jovis, der venerdi der dies Veneris, der saturday der Tag des 326 Saturn. Der schabattu war schon in Sinear ein Bußtag, der »Tag der Beruhigung« der Götter; aber nicht im Sinne der feierlichen Muße und Einkehr wie unser Sonntag, sondern des Unheils: Die Geschäfte ruhten, weil sie ja ohnehin unter dem Zorn der Götter nicht gediehen wären. Daß auch wir noch ein wenig an einen Einfluß der Gestirne auf den Charakter glauben, zeigen Ausdrücke wie jovial, martialisch, lunatique (grillig). Die Grundlage des babylonischen Kalenders war der Monat. Da die Zeit des Mondumlaufs ungefähr 29½ Tage beträgt, so umfaßte der Monat abwechselnd 29 und 30 Tage. Zwölf Monate machten ein Jahr. Zum Ausgleich mit dem Sonnenjahr mußte von Zeit zu Zeit ein Schaltmonat eingeschoben werden. Die entscheidenden Stationen im Jahreskreislauf sind die vier »Weltecken«: Frühlingsgleiche, Sommersonnwende, Herbstgleiche, Wintersonnwende; ihnen entsprechen im Tageslauf Morgen, Mittag, Abend und Mitternacht. Der Zyklus wiederholt sich im Weltenjahr, dem Äon, der ebenfalls vier Jahreszeiten hat. Nach Ablauf jedes Äons wird die Welt von Grund auf erneuert. Natürlich ist es in diesem System nicht anders möglich, als daß alles vorherbestimmt ist. Jedes menschliche Leben ist regiert durch Tag und Jahr, Sonne, Mond und Planeten. Gute und schlechte Tage, Aufstieg und Niedergang, Krankheit und Zeugung: alles ist prädestiniert. Ein ähnliches System des Fatalismus hat erst vor wenigen Jahrzehnten mit streng wissenschaftlichen Methoden Wilhelm Fließ aus seiner »Periodizitätslehre« entwickelt, die ebenfalls auf bestimmten Zahlen fußt, und zwar merkwürdigerweise der Fünf und der Sieben, denen auch die Babylonier besondere weltgestaltende und weltordnende Kräfte zuschrieben: denn 5 war die Zahl der Planeten, 7 die der Planeten plus Sonne und Mond, der Regenbogenfarben, der Töne, die nach babylonischer Auffassung durch die Bewegung der sieben Gestirne erzeugt werden, und der Wochentage. Bei Fließ sind die entscheidenden Ziffern die 28, die gleich 4 mal 7, und die 23, 327 die gleich 28 weniger 5 ist und deren Quersumme wiederum 5 ergibt. Natürlich ist die neue Wissenschaft, die Fließ begründet hat, nicht astrologisch fundiert, aber vielleicht haben die Babylonier aus ihren Sternen ähnliche Erkenntnisse gezogen wie er aus seinen biologischen Tabellen. Auch die heilige Zahl der Juden war die Sieben, und noch das Christentum kennt sieben Sakramente, sieben Weihen, sieben Hauptsünden, sieben Bitten des Vaterunsers, sieben Himmel und sieben Höllengeister.

Die Babylonier bedienten sich, wie bereits bemerkt, des Sexagesimalsystems, mit dem auch wir noch vielfach operieren, ohne daß es uns so recht zum Bewußtsein kommt. Im Französischen heißt siebzig soixantedix; ein Schock zählt 60 Stück, ein Mandel den vierten Teil davon; unser Kreis hat 360 Grad zu 60 Minuten zu 60 Sekunden; jeder Mensch, der auf die Uhr blickt, rechnet wie der Babylonier. Dieser teilte den Tag in zwölf Stunden zu dreißig Minuten: Bei ihm dauerte also die Stunde doppelt, die Minute viermal so lang wie bei uns, er hatte es offenbar noch nicht so eilig. Die »kleine« Grundzahl war die Zwölf, und auch diese hat sich bei uns mannigfach erhalten: Wir rechnen mit Dutzend und Gros oder »großem Dutzend« (12 × 12); ein englischer Schilling hat 12 Pence; der alte Reichsthaler zählte 24 Groschen zu 12 Pfennig. Das Sexagesimalsystem ist aus direkter Naturbeobachtung abgeleitet: Rund 360 Tage braucht die Sonne zu ihrem scheinbaren Umlauf um die Erde, rund zwölfmal vollendet in dieser Zeit der Mond seine Bahn, zwölf Tierbilder zählt die Ekliptik, 120 Schritte macht der Mensch in der Minute. In diesem System sind die beiden babylonischen Hauptzahlen, die Fünf und die Sieben, versteckt wirksam. Das Verhältnis der »kleinen« zur »großen« Grundzahl ist 5, da fünfmal 12 gleich 60 ist, und die Zwölf läßt sich in 5 und 7 zerlegen. Auf soss, sechzig, folgt als nächsthöhere Einheit sar: 60 × 60 = 3600.

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