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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 160
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Der Pessimismus

Gibt es eine babylonische Ethik? Immerhin; neben ganz primitiven Verboten: seines Nächsten Blut zu vergießen, durch Diebstahl Gott zu beleidigen, falsch zu wägen, Rohr und Baum abzuschneiden, einen Kanal zu verstopfen (in Mesopotamien eine besonders böse Sache) steht auch die Warnung, seines Nächsten Weib sich zu nahen, über jemand Übles zu sprechen, unaufrichtig zu sein, einen Gefangenen nicht freizulassen. Auch war der Babylonier fest überzeugt, daß jeder Frevel seine Strafe in sich berge, die, mit ihm geboren, früher oder später unfehlbar eintreffen müsse. Aber wo der babylonische Gedanke sich zu höherem Fluge erhebt, trägt er die bleiche Farbe der Skepsis. Das ist immer eine Folge des Materialismus. Denn dieser, obgleich er scheinbar so stark und froh im Hier und Jetzt verwurzelt ist, zeigt sich, dies bestätigt sich an allen Zeiten und Zonen, immer vom Schatten des Pessimismus begleitet. Darum ist zum Beispiel der Ostasiate stets von einer stillen Trauer umflossen und erscheint uns die spätere Neuzeit so merkwürdig grau, und darum sind alle Tiere melancholisch.

In humoristischer Form äußert sich dieser Pessimismus: die Überzeugung von der tiefen Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins in einem kleinen Dialog »Herr und Diener«, der zugleich zeigt, daß schon vor Jahrtausenden die Lustspieltechnik ganz dieselbe war, wie sie Shakespeare und Molière und unsere modernen Schwankautoren handhaben: »Sklave, gehorch mir!« »Ja, mein Herr, ja!« »Hol mir schnell Waschwasser, ich will speisen.« »Iß, mein Herr, iß! Eine tüchtige Mahlzeit öffnet das Herz.« »Nein, Sklave, ich will doch nicht essen.« »Iß nicht, Herr, iß nicht! Hungrig werden und essen, durstig werden und trinken kann ein jeder.« »Sklave, gehorch mir!« »Ja, mein Herr, 320 Ja!« »Hol mir sofort den Wagen, ich will in die Wüste zur Jagd fahren.« »Fahr, mein Herr, fahr! Der Jagdhund wird die Knochen des Wilds zerbrechen.« »Nein, Sklave, ich will doch nicht in die Wüste fahren.« »Fahr nicht, Herr, fahr nicht! Der Hund wird sich selber die Knochen zerbrechen.« »Sklave, gehorch mir!« »Ja, mein Herr, ja!« »Ich will eine Schlechtigkeit begehen.« »Begeh sie, begeh sie! Wenn du keine Schlechtigkeit begehst, ist dein Beutel leer. Wie willst du dir anders den Bauch füllen?« »Nein, Sklave, ich will doch keine Schlechtigkeit begehen.« »Begeh sie nicht! Wer eine Schlechtigkeit begeht, wird getötet oder verstümmelt.« »Sklave, gehorch mir!« »Ja, mein Herr, ja!« »Ich will ein Weib lieben.« »Tu's, mein Herr, tu's!« Ein Mann, der ein Weib liebt, vergißt allen Kummer.« »Nein, Sklave, ich will doch kein Weib lieben.« »Tu's nicht, Herr, tu's nicht! Das Weib ist eine Grube, eine Grube, ein Loch, ein Graben. Das Weib ist ein scharfer eiserner Dolch, der den Hals des Mannes zerschneidet.« »Sklave, gehorch mir!« »Ja, mein Herr, ja!« »Ich will meinem Lande Gutes tun.« »Tu's, mein Herr, tu's! Ein Mann, der seinem Lande Gutes tut, ist von Marduk geliebt.« »Nein, Sklave, ich will meinem Lande doch nicht Gutes tun.« »Tu's nicht, Herr, tu's nicht! Steig auf die alten Trümmerhügel und blick umher! Sieh die Schädelstätte der Späteren und Früheren! Welcher von ihnen war ein Bösewicht, welcher ein Hilfreicher?« »Sklave, gehorch mir!« »Ja, mein Herr, ja!« »Jetzt, was ist nun gut? Meinen und deinen Hals zerbrechen und in den Fluß werfen, das ist gut.« »Ja, Herr! Niemand ist so lang, daß er zum Himmel reicht, und so breit, daß er die Erde erfüllt.«

In einem langen, kunstvoll gesetzten Gedicht, worin die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse einen Text ergeben, beklagt sich ein Poet über die Ungerechtigkeit der Weltordnung. Ihm ist trotz seiner Frömmigkeit nur Unheil widerfahren, denn »das Herz Gottes ist so weit weg wie der Nabel des 321 Himmels«. Die Schlechten aber sind mächtig und reich. Den Göttern sind offenbar kostbare Opfergaben lieber als Frömmigkeit. »Man preist das Wort des Großen, der morden gelernt hat, man erniedrigt den Kleinen, der ohne Sünde ist; man überschüttet mit Silber, wessen Name Räuber ist, man bringt um das Letzte, wessen Nahrung dürftig ist. Auch mich, den Schwachen, verfolgt der Vornehme.« Aber auch dieser ist nicht sicher, denn letzten Endes herrscht der Zufall. Darum vermag das Leben nur zu ertragen, wer es mit völliger Gleichgültigkeit hinnimmt. »Wozu alles? Die Menschen lernen ja doch nichts.«

In einer Dichtung, deren Vorlage auf die Tage der Dynastie von Ur, also die Zeit zwischen 2500 und 2400, zurückgeht und die geradezu der babylonische Hiob genannt werden muß, erzählt ein von Gott Geschlagener seine Geschichte. Obgleich er stets gottesfürchtig und königstreu war, wurde er doch von furchtbarer Krankheit heimgesucht. Aber »was dem Menschen gut erscheint, ist für Gott schlecht, was ihm schlimm erscheint, ist für Gott gut. Den Ratschluß Gottes, wer versteht ihn? Seine Wege, wer kennt sie?« Schließlich faßt Marduk seine Hand und errettet ihn, und der Genesende eilt in den Tempel, ihm zu danken. Dieses Weltgefühl eines wahrhaft Frommen, der das Leid als Prüfung nimmt und es nicht wagt, Gottes Willen zu deuten, wirkt ganz fremdartig inmitten des groben und leeren babylonischen Ritualismus. Das hohe Alter der Dichtung, wenn es richtig vermutet ist, würde manches erklären. Gottergebene und auf Verstehen verzichtende Glaubensgesinnung, aber von wesentlich banalerer Art, äußert sich auch sonst in der religiösen Literatur. »Gleich einer Flöte, gleich einer Taube, gleich einem ächzenden Rohr, gleich einer Wildkuh« fleht der Betende zur Gottheit. Dies konnte eine edle Zerknirschung sein, wie sie uns auf den Höhepunkten des Alten Testaments entgegentritt, in der Masse der Fälle aber war es bloß eine angenommene Überdevotion, mit der der Gott gekapert werden soll wie 322 irgendein despotischer Sultan. Nicht selten findet sich die schöne Anrufungsformel »Gott, den ich kenne, nicht kenne« und die Bitte um Vergebung der »Sünde, die ich nicht weiß«. Auch dies könnte einen Gipfel verinnerlichter Religiosität bedeuten, aber in Wirklichkeit ist es nichts als stumpfer und ängstlicher Formalismus: gemeint ist, daß vielleicht gerade der Name jener Gottheit, die zürnt, verborgen oder etwas, das sie gereizt hat, unbewußt begangen sein könnte, wobei unter »Sünde« auch jede äußerliche Übertretung begriffen wird: »Das Verbotene, wovon ich gegessen, kenne ich nicht, das Unreine, worauf ich getreten, kenne ich nicht.«

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