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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 159
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Münzen und Banken

Während die Ägypter zur Geldwirtschaft erst in ihrer späten Verfallszeit gelangt sind, war sie bei den Babyloniern ebenso früh wie intensiv entwickelt. Das Münzwesen war auf der Silberwährung (Goldvaluta findet sich nur gelegentlich) und auf dem Sexagesimalsystem aufgebaut, dessen Einheit die Sechzig ist: ein Talent war gleich 60 Minen, eine Mine gleich 60 Schekel, ein Schekel gleich 180 Getreidekörnern. An Feingehalt entsprach die gebräuchlichste Münze, der Schekel, ungefähr dem holländischen Gulden. Das Edelmetall wurde ursprünglich ebenso in Form von Barren, Ringen und Plättchen, also als Ware, auf den Markt gebracht wie am Nil und anderwärts, aber schon sehr bald mit einem Stempel versehen, also zur Münze gemacht. Verzweifelte Finanzkünste geldbedürftiger Fürsten und Städte führten oft zu lokalen Entwertungen: man unterschied zwischen minderwertigem und gutem oder »weißem« Geld. Schekel oder Lot, Mine oder Pfund und Talent waren auch Gewichtseinheiten: demnach hätte also eine Mine Getreide 10 800, ein Talent Getreide 648 000 Körner gefaßt. Das Hohlmaß für Flüssigkeiten, aber auch für Korn war ein Sila = 0,4 Liter. Der Getreidekurs war großen Schwankungen unterworfen; in einer Urkunde findet sich auch eine Bemerkung über Schleichhandelspreise, die während einer Belagerung erzielt wurden.

Wir haben schon gehört, daß die Kirche sich mit der Vermittlung von Darlehen, Verwaltung von Depots und dergleichen 318 abgab; in späterer Zeit gab es auch richtige Bankinstitute, darunter Häuser von internationalem Ruf und Kredit wie »Egibi Söhne« in Babel und »Muraschschu Söhne« in Nippur, die mit Gebäuden, Grundstücken, Sklaven, Karawanen Großgeschäfte betrieben und Kriege, See-Expeditionen, Bergwerke, Wasserbauten finanzierten; in ihren Archiven, die sich zum Teil erhalten haben, waren alle Transaktionen genau verbucht, ihre Schecks wurden überall akzeptiert. Aber schon vor 2000 wurden in Ur den Priestern des Mondgotts für Reisezwecke Kreditbriefe ausgestellt, die in allen Städten Sinears honoriert wurden. In dieser uralten Stadt, die schon zu Anfang des zweiten Jahrtausends verschwunden war, gab es während ihrer Glanzzeit noch kein gemünztes Geld, aber eine bis ins kleinste organisierte Naturalwirtschaft mit Listen, Überschlägen, Bezugsscheinen, Buchung und Gegenbuchung und großangelegte Manufakturen mit Hunderten von Arbeiterinnen, über deren Rohstoffbezug, Tagesleistung und Löhnung sorgfältig Rechenschaft gegeben wurde.

Man kann sich bei aller Bemühung, an die Babylonier nicht fremde abendländische und christliche, sondern ihre eigenen Maßstäbe anzulegen, des Eindrucks nicht erwehren, daß sie, von Ausnahmepersönlichkeiten natürlich abgesehen, auch in ihrer besten Zeit eingefleischte Diesseitsnaturen gewesen sind, die sich mit Haut und Haaren der Materie verschrieben hatten, was ihnen aber auch wieder eine eigentümliche Kraft und wilde Schönheit verlieh. Indes ist es immer mißlich, ein ganzes Volk auf einen einzigen Nenner bringen zu wollen, und die alten Sumerer waren gewiß ganz anders geartete Menschen. Aber ihr abgeschiedener Geist irrte unverstanden, ein fremder blutloser Schatten, durch das Zweistromland, nur dazu angetan, die Leute von Babel zu verwirren: sie und uns, denn wir vermögen Sumer und Akkad nicht mehr zu scheiden.

Ja, es war ein Sündenbabel und ein Turm von Babel, dieses 319 Reich zwischen den Flüssen, aber es hat für seine Sünden bezahlt, denn der Turm gelangte nie zum Himmel. Nicht, weil es zu viele Sprachen, sondern weil es gar keine Sprache redete; denn es hatte keine Seele.

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