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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 158
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die Wirtschaft

Ein Beduine ist aber der Mesopotamier niemals gewesen. Eine seßhafte Kultur hat es an den Strommündungen bereits um 4000 gegeben, vielleicht noch bedeutend früher. Zur selben Zeit wie die Ägypter bauten auch die Babylonier schon Deiche und Kanäle, zogen Wein und Feigen, Rinder und Esel, jagten und fischten. Schon früh herrschten sehr kapitalistische Sitten: aus der Hammurapistele erfahren wir, daß der Pächter an den Besitzer vom Feldertrag ein Drittel, vom Gartenertrag zwei Drittel abführen mußte, der Geldschuldner an den Gläubiger jährlich zwanzig Prozent; im Nichteinbringungsfalle konnte er zu Sklavendiensten herangezogen werden. Die staatliche Steuer betrug offiziell ein Zehntel der Ernte, in der Praxis aber nicht selten mehr; auch für Getreidedarlehen wurde mehr als das 316 Gesetzliche, gewöhnlich ein Drittel des Betrages, als Verzinsung verlangt, in Assyrien sogar die Hälfte; ebensowenig ist die vorgeschriebene unterste Grenze des Lohns vom Arbeitgeber regelmäßig eingehalten worden. Der lebhafteste Geschäftsverkehr spielte sich an den Kauftoren ab oder vielmehr in ihnen, denn die mächtigen Portale, die in die Stadtmauern eingelassen waren, waren richtige Gebäude mit zahlreichen Läden und Büros; auch auf den prächtigen Kais, die an den Flußufern errichtet waren, herrschte den ganzen Tag ein reges Treiben: Waren aus allen Weltgegenden lagen hier aus, um von dem dichten Korso der Vorbeiströmenden begafft und erfeilscht zu werden; hier boten auch die Kurtisanen ihre Reize an und lauerten die Falschspieler und Wucherer auf ihre Opfer. Das wichtigste einheimische Produkt war der Ton, den das fette Schwemmland in hervorragender Qualität und Menge lieferte; man verstand alles mögliche aus ihm herzustellen: Lampen und Herde, Fässer und Kisten, Siegel und Nägel, Spielzeug und Nippes, Wiegen und Särge. Das Mobiliar war großenteils aus diesem Material, doch ließ sich dazu auch das inländische Rohr gebrauchen. Die Fabrikate wurden entweder an der Sonne getrocknet oder im Ofen »gekocht«, der selber aus Ton war. Die wichtigste Verwendung fand er aber in den zahllosen Täfelchen, die, solange die Masse noch weich war, auf beiden Seiten beschrieben und dann durch Brennen so gut konserviert wurden, daß wir noch heute eine Unmenge Schenkungsurkunden und Kaufverträge, Testamente und Ehekontrakte, Quittungen und Lieferungsabschlüsse und ähnliche »Papiere« besitzen. Wichtigere Dokumente steckte man in eine versiegelte Tonenveloppe, auf der der Text wiederholt war; Zeugen bestätigten unter Anrufung der Götter die Richtigkeit der Abmachungen. Für besonders bedeutsame Aufzeichnungen: Staatsverträge, hohe Stiftungen, Zaubertexte benutzte man auch Metallplatten; die Stelen waren aus Granit, Basalt oder anderem dauerhaften Gestein. Aus der 317 Tatsache, daß die Babylonier auf Ton schrieben, erklärt sich die Keilschrift, denn beim Eindrücken des Rohrgriffels, der, in einem Lederfutteral geborgen, jedem besseren Babylonier an der Hüfte baumelte, mußte aus jedem Zeichen ein Keil werden. Es gab aber auch Stempel, sogar aus beweglichen Lettern zusammengesetzte. Die Babylonier hatten also bereits im Prinzip die Buchdruckerkunst erfunden; sie waren aber zu weise oder zu indolent, um diese Errungenschaft weiter auszubauen.

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