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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 150
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die wahren Sagen

Es ist nach alledem nicht verwunderlich, daß er im Bewußtsein des Volkes zu einer mythischen Gestalt emporwuchs. Schon seine Jugendgeschichte ist von Legenden umgeben. Es hieß, seine Mutter habe ihn heimlich zur Welt gebracht und in einem Schilfkästchen ausgesetzt: eine Geschichte, die bekanntlich auch von Krischna, Mose, Kyros, Romulus erzählt wird. Doch wäre es sehr töricht, hieraus einen Zweifel an seiner Geschichtlichkeit herzuleiten. Sehr fein bemerkt Winckler: »Wenn die Legende Sargons die gleichen Züge trägt wie die von Moses, so ist das dasselbe, als wenn ein musikalisches Motiv beim Auftreten eines Helden erklingt: dem Helden der Legende wird damit zugleich seine Stelle in der Entwicklung eines Volkes angewiesen.« Man ist früher in engstirnigem Rationalismus so weit gegangen, jede historische Persönlichkeit, um die sich Sagen ankristallisiert haben, als suspekt zu betrachten. Es verhält sich jedoch umgekehrt: gerade Sagen beweisen etwas. Man hat oft die Legende mit dem Efeu verglichen. Aber zu jedem Efeu gehört doch ein Stamm! Und zu jedem Rauch ein Feuer! »Sagen« sind vielleicht die einzigen historischen Überlieferungen, die, in einem höheren Sinne, niemals auf Erfindung beruhen, denn sie lassen sich nicht erfinden. Wie unvorstellbar müßten die Dichter, geschweige denn die anonymen Massen beschaffen sein, die einen einzigen der großen Helden und Heiligen ersinnen könnten! Irgendwo und irgendwann ist Jason Gestalt gewesen in einem furchtlosen Seefahrer und Siegfried in einem reinen Recken und Romulus in einem starken Gründer, denn seine Existenz ist durch die sicherste Tatsache bezeugt, die der Historiker sich wünschen kann: die ewige Stadt Rom! Mitten im erleuchteten neunzehnten Jahrhundert und im aufgeklärten Frankreich hat man es erlebt, daß Napoleon zum Mythus wurde, in dreitausend Jahren wird irgend eine Spinne von Historiker daraus zwingend folgern, daß er nicht existiert hat. Noch nie hat man es erlebt, daß eine zarte 301 oder kühne Legende um ein Nichts gewoben wurde oder um eine Lüge, die noch weniger ist als nichts. An »Sagen« wollen wir recht gern glauben; und an »absurde« am liebsten.

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