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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 149
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Sargon der Große

Die Akkader waren ihren südlichen Nachbarn militärisch in mehrfacher Hinsicht überlegen. Plump wie die Figur der Sumerer war auch deren Kriegsrüstung: dicke Speere, Buckelschilde und Klappenhelme, während jene bereits den Bogen zu handhaben wußten. Dies verlieh ihnen einen fast ebenso großen Vorsprung, wie ihn die Feuerwaffen der Spanier gegen die Pfeile der Azteken oder die Maschinengewehre der Engländer gegen die Flinten der Mahdisten besaßen. Außerdem verfügten sie über ein stehendes Heer, das in Schwarmlinien angriff, was sie zu der schwerfälligen Miliz der Sumerer, die nur sehr langsam mobilisiert werden konnte und in starrer Phalanx kämpfte, in ein ähnlich vorteilhaftes Verhältnis brachte, wie es zwischen 298 der zerstreuten Fechtart der französischen Revolutionsarmeen und der friderizianischen Lineartaktik ihrer Gegner bestand. Es ist daher kein Wunder, daß es ihnen gelang, das alte sumerische Reich zu überrennen. Dies geschah um 2600 (nach Hugo Winckler schon um 2750) unter Sargon dem Ersten, dem Begründer einer zweiten »Weltherrschaft«, der ersten semitischen, die sich nicht nur bis Südsyrien, sondern sogar, wie ein dort aufgefundenes Beamtensiegel bezeugt, über Zypern erstreckte. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß schon damals zwischen Vorderasien und Ägypten ein diplomatischer und kommerzieller Verkehr bestand, denn die beiden Reiche waren am Jordan und Sinai bereits Nachbarn; zu kriegerischen Verwicklungen dürfte es aber noch nicht gekommen sein. Soviel man sehen kann, war Sargon kein geborener König, obschon vielleicht aus vornehmem Geschlecht, sondern ein Usurpator. Er zwang die schwache Dynastie von Kisch, das zu dem Oberherrn in Umma in einer Art Suzeränitätsverhältnis stand, zur Abdankung und setzte sich selbst auf den Thron. Daraufhin mußte es früher oder später zu einem Zusammenstoß zwischen ihm und Lugalzaggisi kommen. Daß er es wagte, seine Kräfte an der sieggewohnten Machtfülle eines Königs zu messen, vor dem die ganze Welt zitterte, muß seinen Zeitgenossen als Wahnsinn erschienen sein. Aber es kam umgekehrt als erwartet, wie, beiläufig bemerkt, fast immer in der Weltgeschichte. Wie viele unter den Mitlebenden haben wohl von vornherein an einen Sieg der Griechen über die Perser, der Schweizer über das Haus Habsburg, der Engländer über die Armada, Friedrichs des Großen über die Koalition, der Preußen 1866, der Japaner über Rußland, des Balkanbundes über die Türkei geglaubt? Wir von heute wissen freilich die Gründe dieser überraschenden Erfolge haargenau anzugeben, aber das ist weniger ein Beweis für unsere höhere Urteilskraft als für unsere spätere Geburt.

299 Nachdem Sargon mit seinen Nordbabyloniern das ganze Land besetzt und Akkad zur Hauptstadt, Residenz und Handelszentrale gemacht hatte, wandte er sich gegen Elam, dessen schwierige Unterwerfung ihm vollständig gelang, eroberte Assyrien, wo damals noch die Subräer (Subartu) saßen, und drang unaufhaltsam nach dem Westen vor, indem er von den ebenso gefährlichen wie zahlreichen Amoritern oder Amurru, einem nordsyrischen Volksstamm, den Durchzug erzwang. Dann überstieg er den Taurus und pflanzte seine Siegeszeichen in Ostkleinasien auf, dem späteren Sitz der Hethiter. Von dort aus unternahm er eine dreijährige Expedition »über das Westmeer«, die ihn bis nach Griechenland brachte, und schließlich wurde sogar Arabien dem Reich einverleibt. Er war nun wirklich »Herr der vier Weltteile«, Babyloniens im Süden, Elams im Osten, Subartus im Norden, Amurrus im Westen, und niemals mehr hat ein vorderasiatisches Großreich eine solche Ausdehnung erlangt, denn weder die arabischen Steppen noch die griechischen Küsten sind je wieder besetzt worden. In der inneren Verwaltung des Landes verfuhr Sargon ebenso kühn und energisch wie in seiner Kriegsführung. Er machte der Kleinstaaterei der halbsouveränen Landesfürsten, die eine ewige Quelle des Aufruhrs war, ein Ende und teilte das Reich in zahlreiche Distrikte von mäßigem Umfang, mit Beamten an der Spitze, die am Hof eine besondere Ausbildung genossen hatten und unmittelbar der Krone unterstellt waren. Handel und Gewerbe sollen unter seinem Szepter geblüht haben. Sogar eine regelmäßig befahrene Seelinie vom Persischen Golf zum Roten Meer hat es damals gegeben, und nur damals, denn ihre Voraussetzung war der Besitz gesicherter Stützpunkte in Arabien. Als Sargon all dies vollbracht hatte, fand er nach fünfundfünfzigjähriger Regierung den ewigen Schlaf in einem großartigen Mausoleum, das, von ihm selbst entworfen, jahrhundertelang den Herrschern zur Grabstätte gedient hat, als eine Art Kapuzinergruft. 300

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