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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 148
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Das mesopotamische Altertum

In ältester historischer Zeit, um 3000, hatte Kisch, im nördlichen Babylon gelegen, die Vormacht inne. Um 2800 trat in Lagasch Ur-Nina hervor, ein Priesterkönig, der die weltliche und geistliche Macht in sich vereinigte, wie seinerzeit der Papst im Kirchenstaat; seine Regierung wird als sehr glücklich gepriesen: Er erbaute Tempel, eine große Stadtmauer, Kanäle und Wasserreservoirs und rüstete Karawanen aus, die Waren brachten und ausführten. Sein Enkel war Eannatum (um 2750). Dieser schlug einen Angriff der Elamiten zurück und besiegte alle Nebenbuhler, die Fürsten von Umma, Ur, Uruk, Opis, Kisch und noch viele andere; dadurch gewann er die Oberherrschaft über ganz Sinear. Eines seiner Siegesdenkmäler, die berühmte Geierstele, so genannt, weil darauf Geier die Köpfe der Erschlagenen in die Lüfte tragen, zeigt, wie er persönlich dem König von Kisch seine Lanze in die Stirn schleudert. Die Darstellung der nackten, plumpen Krieger mit den langen Gurkennasen, die in Reih und Glied über die Leichen der Feinde hinwegmarschieren, wirkt auf den ersten Blick stilisiert, ist aber bloß roh, indes nicht ohne eine gewisse primitive Kraft. Um 2670 finden wir als Gebieter in Lagasch Urukagina, der eine sehr edle Persönlichkeit gewesen zu sein scheint: Er bekämpfte, wenn wir seinen Inschriften glauben dürfen, mit Erfolg den Eigennutz der Priester, die Willkür der Verwaltung, die Härte der sozialen Ordnung, hob die Leibeigenschaft auf, baute viele unnütze oder korrupte Beamte ab und sicherte Handel und Verkehr. Doch schon um 2650 erhob sich Lugalzaggisi, der Fürst von Umma, das vor hundert Jahren von Eannatum so vollständig zu Boden geworfen worden war, und eroberte, 297 nicht ohne die landesüblichen Mordbrennereien und Plünderungen, Lagasch und alle übrigen babylonischen Städte, ja er dehnte sogar seine Herrschaft bis zum »oberen Meer« aus. Ob er alle die »Westvölker« wirklich unterworfen oder bloß in eine lockere Abhängigkeit gebracht hat, ist allerdings fraglich; auch seine staatsrechtliche Stellung im Innern ist für uns nicht mehr greifbar. Die erste Hälfte seines Namens, lugal, ist ein Gattungsbegriff und bedeutet so viel wie König; aber damit ist wenig gesagt. Man stelle sich vor, daß in einigen tausend Jahren jemand das Wort duce erklären sollte. Er würde es vermutlich mit duca, Herzog, in Verbindung bringen und dementsprechend entweder an eine Persönlichkeit von sehr hohem und altem Adel oder, noch weiter zurückgreifend, an eine Art erwählten obersten Kriegsherrn denken, aber von dem sehr komplizierten politischen Machtbegriff, der in der Führerbezeichnung steckt, hätte er wohl kaum eine Ahnung. Jedenfalls ist Lugalzaggisi die erste Persönlichkeit des Zweistromlands, ja der Weltgeschichte gewesen, die es versucht hat, ein »Weltreich« zu gründen. Aber schon ballten sich neue Gewalten zusammen, die dem mesopotamischen Altertum, wie man die bisher betrachtete Zeit nennen könnte, für immer ein Ende bereiteten.

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