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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 145
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die »Sidonier«

Die Brücke zwischen Kleinasien und Ägypten bildet der Landstreifen längs des Mittelländischen Meers, der Syrien genannt wird. Es ist das Gebiet vom Euphrat bis zur Sinaihalbinsel, das zu allen Zeiten eine geographische und ethnographische Einheit gebildet hat, und daher ist der derzeitige politische 287 Begriff »Syrie«, der nur das französische Mandatsgebiet Nordsyrien umfaßt, ebenso verwirrend wie der noch immer vielfach gebräuchliche Terminus »Syrien und Palästina«, denn dieses kleine Land, das nichts andres ist als ein Teil Südsyriens, ist immer nur wegen des hervorragenden historischen Interesses, das ihm anhaftet, getrennt betrachtet worden. Weitere wichtige Teilgebiete Syriens sind Cölesyrien und Phönizien. Mit dem ersteren Namen des »hohlen Syriens« bezeichnete man im Altertum den langen Einbruchsgraben, der Libanon und Antilibanon auseinanderschneidet; hier entspringt nach Norden der bedeutendste Fluß Obersyriens, der Orontes, und an ihm lagen Antiochia, die glänzende Residenz der Seleukiden, zur Römerzeit die drittgrößte Stadt des Reichs, und das strategisch hochwichtige Kadesch, von dem wir noch hören werden. Phoinike hieß erst bei den Griechen der Küstensaum zwischen Meer und Libanon, der nicht länger als etwa 200 Kilometer und dabei so schmal ist, daß er bisweilen nur knapp den Raum für eine Straße bietet, wegen seines Klimas aber hochberühmt war: man sagte vom Libanon, auf seinem Haupte ruhe der Winter, auf seinen Schultern der Frühling, in seinem Schoße der Herbst und zu seinen Füßen der Sommer. Dieser Landstrich war sowohl durch seine Lage wie durch seine Gestalt gebieterisch auf Seefahrt, Handel und Kolonisation hingewiesen: Eine babylonische Inschrift aus der Zeit um 2600 spricht bereits von zahlreichen Hafenstädten, mit denen die Küste besät war; freilich dürfen wir dabei nicht an Phoiniker denken, denn die hat es damals noch nicht gegeben. Die Religion war wohl schon von den ältesten Zeiten her ein ausgedehnter Naturkult. Besondere Verehrung genossen heilige Steine, diese oft in der Form des männlichen oder weiblichen Geschlechtsteils, womit offenbar die Fruchtbarkeit versinnbildlicht werden sollte, und heilige Bäume, aber auch zu Quellen, Bächen, Flüssen, Seen wurde gebetet. Ba'al war nicht, wie die Israeliten und die übrigen 288 Ausländer glaubten, der Eigenname des höchsten Gottes, sondern ein Gattungsbegriff für jede beliebige Gottheit, der wörtlich »Eigentümer«, »Inhaber« bedeutete; er erforderte daher immer eine nähere lokale Bezeichnung: Ba'al von Sidon, Ba'al von Tyros, Ba'al von Byblos. Das Mißverständnis war dadurch erleichtert, daß in der Alltagsrede jede Stadt von ihrem besonderen Gott als dem Ba'al schlechthin redete, ja sogar die Israeliten sprachen in der vorprophetischen Zeit von Jahwe als dem Ba'al, nämlich Israels. Neben dem Ba'al findet sich auch häufig eine gleichberechtigte weibliche Göttin, die sadistische Züge trägt. Überhaupt dachte sich das Volk seine Götter fast durchwegs als Unholde: finster, grausam, rachsüchtig, mißgestaltet, was auf seinen Charakter kein günstiges Licht wirft, zumindest von einem tiefen Pessimismus zeugt. Schadenfroh senden sie Seuchen, Dürre, Mäuseplagen; beim Opfer erfreut sie am meisten wildes Wehgeschrei, Scheren des Haupthaares (in dem man sich den Sitz der Lebenskraft dachte), blutige Selbstgeißelung. Daß sich das Opfer der Erstgeburt auch auf den Menschen erstreckte, ist kein griechisches Märchen. Dem schrecklichen Moloch, »einer ehernen Bildsäule, die die Arme emporstreckte, so daß die Kinder und Jünglinge, die daraufgelegt wurden, in den feuergefüllten Schlund hinabrollten«, wurden noch in historischer Zeit regelmäßige Tribute dargebracht. Allerdings hatte man sich daran gewöhnt, die eigenen Kinder durch gekaufte und heimlich untergeschobene zu ersetzen, wie es von Flaubert in einer prachtvollen Szene der Salammbô geschildert ist; als aber Agathokles von Syrakus den Karthagern eine Niederlage beibrachte, bekamen sie Gewissenbisse und brachten als Sühne für den Betrug fünfhundert Knaben der angesehensten Geschlechter zum Opfer, die Pauken und Flöten übertönten ihre Todesschreie, die Mütter mußten dabeistehen und durften weder klagen noch Tränen vergießen. Als Alexander der Große im Jahr 332 Tyros belagerte, wurden einige gefangene Soldaten 289 auf die Mauer geführt und dort angesichts des feindlichen Heeres zerstückelt und ins Wasser geworfen: Durch diese Gabe von Menschenfleisch hofften die Tyrier die Gottheit des Meeres für sich zu gewinnen.

Als Bewohner eines zerklüfteten Gebirgslands waren die Phoiniker zu ewiger Kleinstaaterei verurteilt; sie scheinen aber überhaupt nicht die Gabe der Staatenbildung besessen zu haben, denn niemals haben sie auch nur den Versuch gemacht, sich ein angemessenes Hinterland zu schaffen: Aus diesem Grunde haben sie es trotz ihrer Seegewalt niemals zur Großmacht gebracht, auch in den Kolonien nicht. Die bedeutendsten Städte waren Sidon und Tyros; zwischen ihnen bestand dauernde Rivalität. Ursprünglich scheint Sidon die Vorherrschaft innegehabt zu haben, später trat Tyros an seine Stelle. Der Fang der vorzüglichen Seefische muß von Anfang an einen Haupterwerbszweig gebildet haben: »Sidonier«, sowohl im Alten Testament wie bei Homer der Generalname für alle Phoiniker, bedeutet »Fischersleute«. Der Wohnraum auch der großen Städte war sehr eng und zwang zum Bau vielstöckiger Häuser schon zu Zeiten, wo diese von den Fremden noch als Wunder angestaunt wurden; Tyros dürfte in seiner besten Zeit vierzigtausend Menschen beherbergt haben. Diese Stadt war schon durch ihre Lage eine Kuriosität: auf einem kahlen, wasserlosen Felsenriff erbaut, durch einen breiten Meerarm vom Festland getrennt, auf das sie in der Verproviantierung angewiesen war, andererseits fast uneinnehmbar. Ähnlich lag Sidon, aber durch eine Sanddüne mit der Küste verbunden. Auch das uralte Arados war eine Inselstadt. Auf dem Festlande lag nur Byblos, die »Bergstadt«, von besonderer Handelsbedeutung durch den Besitz der herrlichen Zedernwälder des nördlichen Libanon und daher schon früh das Ziel der ägyptischen »Byblosfahrer«, von denen wir bereits gehört haben. In allen diesen Städten herrschten Könige in stetem Kampf gegen eine 290 aufsässige Magnatenoligarchie. Der Gesamtname sidonîm rührt von der ursprünglichen Hegemonie Sidons her oder hat seinen Grund darin, daß diese Stadt auch in späterer Zeit Sitz des Bundesheiligtums war, Ihr Land aber nannten die Phoiniker kana'an, und auch die Israeliten gebrauchten diese Bezeichnung bald für ihr eigenes Gebiet, bald für Phönizien. Ihre Sprache war das »Kanaanäische«, das sich zum Hebräischen wie eine bloße Mundart verhält, etwa wie das Norwegische zum Dänischen. Weiter nördlich saßen die Aramäer, deren Sprache ebenfalls nur ein Dialekt des »Nordsemitischen« war. Im Gegensatz sowohl zu den Hethitern wie zu den Ägyptern gingen diese Völker niemals bartlos.

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