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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 143
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Die »Kleinasiaten«

Zu seiner Interessensphäre hat der babylonische Imperialismus immer auch Kleinasien und Syrien gerechnet; der Besitz dieser Gebiete bildete sogar das höchste Ziel seines Ehrgeizes. 281 Das kleine Syrien hat zu allen Zeiten als wichtiger Schlüsselpunkt gegolten, um den die antiken Großmächte immer wieder erbittert gerungen haben, und Kleinasien war jahrtausendelang ein geheimnisvoller Völkerkessel, in dem es unablässig brodelte und sich mischte. Die beiden Hauptrichtungen, von denen die Invasionswogen heranbrandeten, waren der Süden und der Westen: die riesige arabische Halbinsel, die immer neue Massen ausschleuderte, und das Ägäische Meer, das aus nahen und fernen Weltgegenden Völker ans Land spülte, deren Ursitz und Nationalität bis heute noch vielfach unaufgeklärt sind. Im Mittelpunkt des heutigen wissenschaftlichen Interesses stehen die Hethiter, von den Ägyptern Cheta, in den Keilinschriften Chatti genannt, deren Kernland das Gebiet des Halys, des Hauptstroms Ostkleinasiens, und deren Blüte die Zeit von 1400 bis 1200 umfaßte. Die ältesten Denkmäler der hethitischen Kultur sind die Ruinen eines Tempelpalastes, der wahrscheinlich schon um 2000 zerstört wurde. Sie liegen an der Stätte des heutigen Tell Halaf in Nordmesopotamien, nahe den Quellen des Chabur, des bedeutendsten Nebenflusses des Euphrat. Sehr eindrucksvoll sind die erhaltenen Bildwerke: riesige Götterfiguren mit spitzen Bärten und Mützen, unheimliche Löwenfratzen, plump stilisierte Stiere, groteske weibliche Sphinxe, alles ebenso roh wie machtvoll gestaltet. Nach Sprache und Rasse gehören die Hethiter zu den sogenannten »Kleinasiaten«, aber dieser Verlegenheitsname, den man der Urbevölkerung der Halbinsel gegeben hat, ist nicht viel mehr als eine Chiffre für unsere Unwissenheit; dabei ist er nicht einmal deckend, da sich, wie wir soeben an der alten Königsstadt von Tell Halaf gesehen haben, das Siedlungsgebiet der Hethiter weit über die Grenzen der Halbinsel nach Osten erstreckte, und wahrscheinlich umfaßte der Lebensraum der »Kleinasiaten« auch im Süden ganz Syrien und, was eine der überraschendsten Entdeckungen der neueren Forschung bildet, im 282 Westen große Teile der Balkanhalbinsel. Nur soviel weiß man, daß alle diese anonymen Völker eine große gemeinsame Sprachfamilie bildeten, die weder semitisch noch indogermanisch war, und daß sie alle »hyperbrachykephal«: ungewöhnlich kurzköpfig waren.

Auch in der hethitischen Geschichte unterscheidet man ein Altes, Mittleres und Neues Reich; nur daß man hier nicht mehr als die allergröbsten Umrisse zu erkennen vermag. In der alten Zeit gab es nur Stadtstaaten, die nicht selten im Kriege miteinander lagen. Im hethitischen Mittelalter gelingt es dem Land Hatti, unter dem König Labarnasch die Hegemonie zu erringen. Dieser muß eine sehr machtvolle Persönlichkeit gewesen sein, denn sein Eigenname ist, gleich dem Julius Cäsars, zum Gattungsbegriff des Herrschers geworden. Seinen Enkel Murschilisch den Ersten führte im Jahr 1758 der Siegeszug seines Heeres sogar bis Babylon, das erobert und geplündert wurde. Doch hatte diese gewaltige Diversion nur den Sturz der Hammurapidynastie zur Folge, im übrigen aber für das Land keine einschneidendere politische Bedeutung als die Kelteneinfälle für Rom. Nun folgen mehr als fünfzig Jahre innerer Wirren und fast drei Jahrhunderte, über die wir gar nichts wissen, bis um 1400 Schubbiluliuma den Thron besteigt, der in etwa fünfzigjähriger Regierung seine Herrschaft wieder über ganz Kleinasien, Nordsyrien und Nordmesopotamien ausdehnt. Dieses »Neue Reich«, eine orientalische Großmacht ersten Ranges, beginnt, ganz wie das ägyptische, mit der Vertreibung der Hyksos, findet aber zweihundert Jahre später seinen Untergang durch die »Ägäische Wanderung«, der auch Ägypten beinahe zum Opfer gefallen wäre: eine ungeheure Völkerverschiebung, die höchstwahrscheinlich von Ungarn ihren Ausgang nahm und, sich nach Illyrien fortpflanzend, die Thraker, die bis dahin dort gewohnt hatten, nach Kleinasien warf. Ägyptische Quellen berichten hierüber: »Nicht hielt irgendein Land stand 283 vor ihren Händen von Hatti an. Sie richteten seine Leute zugrunde, als wären sie nie gewesen.«

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