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Kulturgeschichte des Altertums

Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums - Kapitel 142
Quellenangabe
typetractate
booktitleKulturgeschichte des Altertums
authorEgon Friedell
year2009
firstpub1936
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn978-3-257-23881-5
titleKulturgeschichte des Altertums
pages957
created20120603
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Assur

Das wichtigste Nachbarland aber war Assur im Norden des oberen Tigris. Assur war der Name der Hauptstadt, des Volkes, des Landes und des Landesgottes. Im Gegensatz zu Babylonien ist Assyrien ein Gebirgsland, von Bergen umwallt und zerklüftet, und dementsprechend von wesentlich rauherem und kühlerem Klima: Die Dattel gelangt hier nicht mehr zur Reife. In späterer Zeit mußte das Felsennest Assur dem glänzenden, sprichwörtlich reichen Ninive den Rang der Metropole abtreten. In dessen Umgebung fand sich auch schöner Alabaster, und Kalkstein in beträchtlicher Menge, so daß Assyrien nicht an dem chronischen Steinmangel Babyloniens zu leiden hatte. Daraus entwickelten sich schon früh Handelsbeziehungen; aber natürlich unternahmen die Bergvölker auch häufig räuberische Einfälle in das fruchtbare »Schwarzland«. Umgekehrt haben schon die Sumerer versucht, das Gebiet von Assur zu kolonisieren und zu einem Brückenkopf gegen die feindlichen Nordstämme auszugestalten. So wurde Assyrien allmählich zu einer Art Nordmark, und in dieser Hinsicht hat der vorzügliche Erforscher der gesamten mesopotamischen Kulturwelt 279 Bruno Meißner Assur geradezu mit Brandenburg verglichen, das, von den sächsischen Kaisern als Bollwerk gegen die Slawen gegründet, schließlich die Vorherrschaft über das ganze Reich erlangte. Der Hauptgott Assur war, wie er auf den königlichen Gewändern, Siegeln, Feldzeichen und Standbildern immer wiederkehrt, als Herrscher der beiden Jahreshälften ein janusköpfiges Wesen: mit vier Augen und vier Ohren, Flügeln, Vogelschwanz und einer gespannten Armbrust; neben ihm stand als wichtigste weibliche Göttergestalt Istar, die Beschirmerin der Jagd und des Krieges, ein hartes und grausames Geschöpf, schrecklich blickend, mit Flammen bekleidet, bisweilen aber auch als milde, lieblich strahlende Himmelskönigin gedacht: Sie erscheint bald als wilde Herrin der Schlachten, mit Bogen, Köcher und Mauerkrone auf einem Panther reitend, bald als nackte Muttergöttin mit einem Kinde an der Brust.

Die Assyrer sollen den Akkadern nahe verwandt gewesen sein; jedenfalls sprachen sie eine bloße Mundart des Nordbabylonischen. Wir sehen aber hier, wie chaotisch bisweilen der Rassenbegriff sein kann, wenn er sich nur an physiologischen Merkmalen orientiert. Nach ihrem äußeren Habitus sind die Assyrer unverkennbar dem »semitischen«, genauer: dem »jüdischen« Typus zuzuordnen. Wie sie uns auf den erhaltenen Darstellungen entgegentreten, sehen sie mit ihren langen gepflegten Vollbärten, gekräuselten blauschwarzen Haaren, dichten dunklen Augenbrauen, fleischigen Lippen und kühn geschwungenen Nasen einem »feinen Juden« des Fin de siècle zum Verwechseln ähnlich, und es fehlt nichts als der Zylinder und das goldgeränderte Pincenez. Dieser »jüdische« Typus ist nun aber wieder derselbe, den die Ethnologen als »armenischen« anzusprechen pflegen; die Armenier aber gelten als Indogermanen. Es scheint jedoch, daß deren Ursprünge noch hinter die Indogermanen zurückgehen, nämlich bis zu den Hethitern. Die zahlreichen Völker, die sich erobernd über 280 Kleinasien gebreitet haben, vermochten die Rassenmerkmale der alten Bewohner niemals auszulöschen, denn die Herrscherschicht war immer in der Minderzahl, und außerdem scheinen diese Merkmale eine besonders zähe und vehemente Durchschlagskraft gehabt zu haben. So sagt denn auch Luschan, die Armenier seien in ihren körperlichen Eigenschaften überraschend homogen und hätten sich seit Jahrtausenden kaum verändert, man müsse sie als die unmittelbaren Nachkommen der Hethiter betrachten, deren syrische und ägyptische Reliefs »den Eindruck einer geradezu erschreckenden Porträtähnlichkeit machen«. Die Hethiterfrage ist noch nicht völlig spruchreif, aber eines steht bereits fest: daß sie keine Semiten waren. Und gerade von ihnen erbte sowohl der Armenier wie der Israelit die »Judennase«! Und um die Verwirrung vollkommen zu machen, fehlt diese den reinsten und charaktervollsten Repräsentanten des »semitischen« Typus, den Arabern. Wir stehen also vor der Paradoxie, daß ein nichtsemitisches Volk ein hervorstechendes Rassenmerkmal, das als typisch semitisch gilt, auf zwei Völker vererbt hat, von denen das eine als semitisch, das andere aber als indogermanisch angesehen wird; daß ein drittes Volk, das assyrische, das dasselbe Merkmal besitzt, vielleicht nur deshalb als semitisch registriert wird und daß dieses Kennzeichen sich schließlich als gar nicht typisch semitisch herausstellt. Fassen wir aber das Problem geistig auf, indem wir auf Moral, Weltanschauung, Staatsgesinnung, Kunstwillen blicken, so löst es sich sofort: denn dann kann man gar nicht schwanken, die Hethiter (warum, werden wir gleich sehen) als Indogermanen anzusprechen, ihre Erben, die Israeliten und die Armenier, beide als Semiten und die Assyrer nicht wegen, sondern trotz ihrer Nasen ebenfalls.

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